Ich bin absolut überwältigt
Familiensache ist ein Roman, der 2 parallel erzählte Zeitebenen beinhaltet: Beginnend jeweils im Juli 2022 und 1982 lesen wir von und über Maggie, die im Jahr 1982 3 Jahre alt war und heute 43 Jahre alt ist und Mutter von 2 Kindern, sowie ihrem Vater Henry, genannt Heron und ihrer Mutter Dawn. Heron hat Maggie alleine groß gezogen und sie hat zu ihrer Mutter seit frühester Kindheit keinen Kontakt mehr gehabt.Nach und nach erfahren wir, was der Grund dafür war - und der hat mich in jeder Hinsicht überwältigt und buchstäblich zum Weinen gebracht. Im Jahr 1982 war es in Großbritannien, wo die Geschichte spielt, aber auch in Deutschland, wie es im Nachwort heißt, noch absolut üblich, Müttern, die ihre Ehe verlassen und eine lesbische Beziehung eingingen, aus Gründen des Kindeswohls nicht das Sorgerecht zu erteilen. Im Gegensatz zur üblichen Regelung, dass junge Kinder unter 6 Jahren fast immer bei der hauptsächlichen Bezugsperson der Mutter im Falle einer Scheidung verblieben und der Vater ein Besuchsrecht erhielt, war es bei Müttern, die in einer lesbischen Beziehung lebten oder leben wollten, völlig anders. Die These der Kindeswohlgefährdung lag vor allem daran, dass den Kindern Mobbing und Ausgrenzung erspart werden sollte, aber darüber hinaus wurden auch die Mütter und ihre Beziehungen zu perversen Menschen erklärt, ihre Würde missachtet und ihnen kein Gehör geschenkt. Anhand der fiktiven Geschichte von Dawn, Heron und Maggie wird in dem Roman diese furchtbare Sachlage zum Thema gemacht, ohne dass es moralisch erhaben wirkt und auch die "Schuldfrage" wird nicht als Hauptpunkt genommen. Die Geschichte ist eher nüchtern erzählt. Die Protagonisten im Jahr 1982 wirken eher distanziert auf den Lesenden, selbst Dawn erhält nicht viele innere Monologe, die sie mehr fassbar machen. Maggie im Jahr 2022 dagegen ist eine Figur, die mich nicht nur aufgrund unseres gleichen Alters, sehr angesprochen hat. Ihr Leben, ihr Alltag, wirkte auf mich sehr vertraut, ihre kleinen Probleme mit den heranwachsenden Kindern, der Mental Load vor allem in der Weihnachtszeit, die Genervt- und Gereiztheit, die sie manchmal fühlt, aber auch ihre Liebe zu Ehemann und Kindern, der Wunsch, dass die Familie schöne gemeinsame Erinnerungen erhält, der Wunsch, alles "richtig" zu machen und die selbst gewählte Rolle zu erfüllen - das kenne ich nur allzu gut. Ich habe das Buch in einem Tag durchgelesen und während ich die Rezension schreibe, kämpfe ich noch mit den starken Emotionen, die es bei mir hervor gerufen hat. Ein wichtiges Buch, ein Buch, das jede und jeder lesen sollte mit einer Message, fernab der heutigen Empörungsgesellschaft - dass wir uns immer wieder bewusst machen müssen, dass es noch gar nicht lange her ist, dass ein großer Teil der Menschen hier mitten unter uns in unserer "modernen" Gesellschaft schrecklich diskriminiert und verurteilt wurden für ein Leben, das heute zum Glück in der Regel nicht mehr verurteilt wird und niemals verurteilt werden sollte. Eine unbedingte Leseempfehlung!