Ein spannungsreiches Geschehen, mit sympathischen Ermittlern, in einer berauschenden Gegend ...
Es gibt Krimis, die kann man wiederholt lesen, ohne davon gelangweilt zu werden. Okay, die beim ersten Lesen etwas zu lang erscheinenden Passagen - das ewige Hin- und Hergefahre zu unterschiedlichen Orten, die oft langatmigen Ermittlungsgespräche - kann man in diesem Fall getrost etwas schneller "überlesen", doch da, wo es um Menschen geht, ihre vielfältigen Lebensentwürfe und Emotionen, oder um Landschaften, die einfach berauschend schön sein müssen, da kann man etwas länger verweilen, vielleicht sogar zusammen mit einer etwas präziseren Karte, als diejenigen im Buch abgebildeten, um sich darauf zu fokussieren, wie hier beides zueinandergefunden hat: ein eigenwilliger, selbstbewusster Menschenschlag, der mit der Natur weitestgehend im Einklang lebt - und so gar nicht zu den Äußerungen des schwach gewordenen Mönchs und Philosophen Abaelard (12. Jahrhundert) aus Notre-Dame passen will, der hierher verbannt wurde, weil er "seine Schülerin verführt" hatte: "'Ich wohne in einem barbarischen Land, dessen Sprache mir unbekannt und ein Garaus ist, ich habe nur mit Wilden zu tun; meine Spaziergänge muss ich an den unzulänglichen Ufern eines aufgewühlten Meeres unternehmen ...'" Diese Verbindung zwischen Mensch und Natur wird hier an der jahrhundertealten tradierten Wirtschaftsweise der Salzgewinnung äußerst eingängig dargestellt. Das "Weiße Gold" wird somit zum Dreh- und Angelpunkt des neuen (dritten) Falls von Kommissar Dupin, der sich allerdings nicht in seinem angestammten Beritt abspielt, sondern in einem Nachbarkommissariat, in das er durch die Bitte einer befreundeten Journalistin mehr oder weniger unfreiwillig hineingerät. Und vorerst bleibt, da er selbst zum Opfer eines Anschlags wird. Insofern gibt es jetzt ein Zweierteam, welches die vertrackten Verbrechen aufklären muss. Wie gut, dass das Salzthema quasi unerschöpflich ist, und so beim Grübeln zu einer gewissen Abwechslung beiträgt - auch beim Leser. Mal ganz abgesehen von den Bretonen, die immer für einen Überraschung am Rande des Geschehens gut sind. Hier unterstützt durch ein ausgebrochenes Känguru, dass hin und wieder durch die Geschichte hüpft oder sich hier hartnäckig haltende Legenden und historische Geschichten.Es ist diese Abfolge von Spannung einerseits, die nur gelegentlich etwas abflaut, und wissenswerten Einschüben andererseits, die aber immer im Kontext der Geschichte erfolgen, und somit die Qualität insgesamt heben, die diesen Krimi zu einem außergewöhnlichen Krimi machen. Aber dies dürfte ja inzwischen klar geworden sein. Und wem dies alles noch nicht reicht, der wird mit einer psychologischen Abhandlung belohnt, die der Frage nachgeht, wie wirklich wohl die Wirklichkeit ist, da jeder seine eigene Wirklichkeit aus seinen bisherigen Erfahrungen heraus konstruiert und es daher so schwer macht, Zeugenaussagen unter einen Hut zu bringen: "Die ¿vollständige' und ¿objektive' Geschichte eines Falls wurde niemals erzählt. [...] In der Rekonstruktion wurde der Fall zum Phantom. Er löste sich als Realität auf, zerfiel in unterschiedliche subjektive Geschichten, die, je mehr erzählt, geredet und sogar ¿gestanden' wurde, immer weniger miteinander zu tun hatten." Insofern ist es fast egal, welchen Inhalt eine Geschichte hat, jeder Leser, jede Leserin konstruiert sich diese neu. Und mit den hier gelieferten Informationen macht es sogar riesigen Spaß.(19.2.2026)