Coming of age ¿
Von Kathrin Schrocke hatte ich bereits "Freak City" und "Weiße Tränen" gelesen. Beide Bücher haben mich überzeugt, weil die Autorin schwierige Themen greifbar macht, ohne künstlich dramatisch zu wirken. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen an "Bunte Fische überall". Ganz an die Wucht der beiden anderen Titel reicht der Roman für mich zwar nicht heran, trotzdem hat mich die Geschichte auf ihre eigene Art gepackt.Erzählt wird aus der Sicht der 13-jährigen Barnie, die zum Geburtstag lieber ein iPad bekommen hätte als ein Tagebuch. Genau dieses ungeliebte Geschenk wird jedoch zur Grundlage der Handlung. Durch die Tagebuchform entsteht eine große Nähe zu Barnie, ihren Gedanken und ihrer oft herrlich ungefilterten Art. Mal chaotisch, mal verletzlich, mal urkomisch - vieles fühlt sich erstaunlich echt an. Gleichzeitig bleiben auch die Nebenfiguren nicht blass. Vor allem innerhalb der Klasse entwickelt sich eine Dynamik, die lebendig wirkt und die Geschichte trägt.Besonders mochte ich, dass der Roman trotz seiner ernsten Inhalte nie bedrückend wird. Ich musste mehrfach schmunzeln, manchmal sogar laut lachen. Kathrin Schrocke findet eine gute Balance zwischen Humor und Nachdenklichkeit, ohne dass eines das andere verdrängt.Im Mittelpunkt steht ein Schulprojekt, bei dem jeweils zwei Schülerinnen oder Schüler gemeinsam eine computergesteuerte Babypuppe versorgen müssen - Tag und Nacht. Die Kinder nennen ihre Babys Lady Gaga, Creature oder Gollum, organisieren Krabbelgruppen, damit nebenbei noch Fortnite gezockt werden kann, und diskutieren über Stillzeiten im Matheunterricht. Gerade diese Szenen lockern die Geschichte auf und machen gleichzeitig deutlich, wie schnell Jugendliche mit Verantwortung an ihre Grenzen geraten.Nebenbei greift der Roman viele Themen auf, die im Alltag zahlreicher Kinder und Jugendlicher präsent sind, aber oft unausgesprochen bleiben: Scheidung, emotionale Vernachlässigung, alleinerziehende Elternteile oder Instrumentalisierung der Kinder. All das fließt selbstverständlich in die Handlung ein, ohne überdramatisiert zu werden. Genau deshalb bleibt vieles hängen. Das Buch eignet sich nicht nur zum privaten Lesen, sondern auch als Grundlage für Gespräche im Unterricht oder innerhalb der Familie.Kathrin Schrocke schafft es außerdem, viele gesellschaftliche Fragen miteinander zu verweben. Es geht um Vorurteile gegenüber Regenbogenfamilien, um Rollenbilder, erste Liebe und die Erkenntnis, dass der vermeintlich perfekte Schwarm manchmal ziemlich enttäuschend sein kann.An manchen Stellen werden Konflikte allerdings etwas zu sanft aufgelöst. Auch Barnies Familienleben wirkt stellenweise fast zu harmonisch, obwohl einige Themen deutlich mehr emotionale Tiefe zugelassen hätten. Gleichzeitig ist vermutlich genau das einer der Gründe, warum das Buch für die Zielgruppe so gut funktioniert: Die Geschichte bleibt leicht zugänglich und verliert sich nie in übermäßiger Schwere.Schrocke erzählt das alles ohne erhobenen Zeigefinger und nimmt Kinder und Jugendliche auf eine Art ernst, die ihre Romane zu etwas Besonderem macht. Sie liefert keine einfachen Antworten, sondern zeigt Situationen so, dass man automatisch beginnt, über die eigene Haltung nachzudenken. Erst durch eigene Recherche habe ich herausgefunden, dass "Bunte Fische" überall bereits 2015 unter dem Titel "Mein Leben und andere Katastrophen" erschienen ist. Im Buch selbst wird das nur sehr beiläufig als "aktualisierte Neuauflage" erwähnt. Ich hätte mir ein einordnendes Nachwort der Autorin gewünscht.Unterm Strich bleibt ein Jugendbuch, das unterhält, zum Nachdenken einlädt und gesellschaftliche Vielfalt ohne Betroffenheitsmiene in eine leichte, humorvolle Geschichte verpackt. Es stellt die Frage, ob es nicht manchmal besser ist, nicht mit der Masse zu schwimmen - und das auf eine Art, die weder Erwachsene noch Jugendliche unterschätzt.©2026 adlatb