Es ist nicht oft, dass man beim Lesen das Gefühl hat, den Wind der Berge im Gesicht zu spüren. Bei M.P. Cuvels "Fuldera Engadiner Wertiere" ist das anders. Die erste Begegnung mit Selina, die aus der stickigen Enge der Stadt in die Weite des Engadins aufbricht, ist reine Verheißung. Man riecht das Heu, hört das Rauschen des Rombachs und spürt, wie dieser Ort, dieses Fuldera, seine geheimnisvollen Fäden um einen webt. Es ist der Beginn einer Reise, die tief in eine Welt führt, die unsere eigene sein könnte, wenn man nur genau genug hinschaut.
Die Stärke dieser Erzählung liegt in ihrer Atmosphäre. Der Autor zeichnet die alpine Landschaft mit einer Hingabe, die an die großen Naturmaler erinnert, und lässt die Grenzen zwischen Realität und Mythos verschwimmen. Hier, in der Abgeschiedenheit der Berge, schimmert hinter der vertrauten Fassade der Idylle eine andere Welt durch eine Welt voller uralter Geheimnisse, in der die Grenzen zwischen Mensch und Tier fließend werden. Eine junge Frau gerät in einen Strudel aus Mythen und Bedrohungen, der sie zwingt, sich ihrer eigenen Bestimmung zu stellen, die sie nie gesucht, aber vielleicht immer schon geahnt hat.
Die Erzählung gewinnt zunehmend an Fahrt. Was als idyllischer Sommerbesuch beginnt, wird zu einem Strudel aus Abenteuern, Kämpfen und Enthüllungen. Der Leser wird mitgenommen auf eine Reise, bei der man nicht weiß, ob man dem nächsten Dorfbewohner oder doch einem Gestaltwandler gegenübersteht. Diese permanente Ungewissheit, gepaart mit der fast greifbaren Naturschilderung, sorgt für einen Sog, dem ich mich bis zur letzten Seite nicht entziehen konnte. Besonders die mystischen Momente wenn die Natur selbst zu sprechen scheint oder uralte Wesen ihre stille Botschaft senden sind von einer poetischen Kraft, die über das übliche Fantasy-Genre hinausgeht.
Die Protagonistin Selina ist dabei eine sympathische, wenn auch manchmal etwas unbedachte Heldin. Sie handelt aus dem Bauch heraus, was ihr immer wieder gefährliche Situationen einbringt. Aber genau das macht sie menschlich und greifbar. Man leidet mit ihr, wenn sie von den Schrecken der Wildnis und den dunklen Mächten, die das Tal heimsuchen, in die Enge getrieben wird, und man feiert mit ihr, wenn sie sich aufrafft und ihren Weg geht. Die Beziehungen, die sie in Fuldera aufbaut zu den geheimnisvollen Gestalten, die ihr Schutz und zugleich Rätsel sind, zu einer Familie, die mehr ist als sie scheint sind nachvollziehbar und verleihen der Handlung eine warme, fast familiäre Note. Besonders ans Herz gewachsen ist mir dabei die eigentlich unscheinbare Szene, in der Selina mit Cassian einen Steinhaufen für Kleintiere baut ein stiller, aber kraftvoller Moment, der alles zeigt, wofür dieses Buch steht: Verbundenheit mit der Natur und das stille Wirken für das Gute.
Ja, es gibt Schwächen. Die Logik der Wandlerwelt hätte man hier und da etwas fester zimmern können, und manche Zufälle treiben die Handlung etwas zu sehr voran. Auch die völlige Absenz von Zeitungen oder medialem Echo im Tal wirkt mitunter ein wenig konstruiert. Doch es sind kleine Schönheitsfehler in einem ansonsten kurzweiligen und vor allem sehr flüssig lesbaren Roman. Die Sprache ist klar, die Dialoge sind natürlich, und die Spannung ist über weite Strecken auf einem hohen Niveau.
Am Ende bleibt ein Gefühl der tiefen Unterhaltung, wie sie nur gute Fantasyliteratur bieten kann. Man verabschiedet sich ungern aus dieser Welt. Für eine mögliche Verfilmung am besten als Serie mit viel alpiner Kulisse ist der Stoff wie gemacht. Die Bilder sind bereits im Kopf, es würde nur eines guten Regisseurs bedürfen, der sie auf die Leinwand bringt.
Meine Bewertung: 4 (aufgerundet von 3,5) von 5 Sternen
Weil die fantastische Alpenatmosphäre, die kreative Wandler-Mythologie und die gelungenen Charaktere klar überwiegen. Den letzten Stern gibt es erst, wenn die Weltlogik im nächsten Teil noch fester wird und die Heldin sich noch ein wenig mehr aus ihrer Reaktivität befreit. Aber für diesen Sommer und für diese Geschichte war es eine Reise, die ich jederzeit wieder antreten würde.