Einen Aufsteiger holt die Vergangenheit ein
Anlass für das Hervorkramen dieser Novelle von Franz Werfel waren übereinstimmende Nachrichten in den Medien, dass antiquarische Bücher aufgekauft werden, um mit ihnen die KI zu trainieren. Mir graut vor dem Tag, wo nichtexistente Autor:innen mit klangvollen Fantasienamen den Büchermarkt mit Lyrik und Prosa im Stile alter Meister:innen überschwemmen. KI-generierte Schmonzetten (Romance, Dark Romance, Romantasy etc.) gibt es ja schon längst.Da wollte ich rasch eines der Originale wiederlesen, noch dazu, wo ich als Autorin weiß, wieviel Zeit und Hirnschmalz in einen Text fließen, damit dieser "funktioniert" und womöglich noch den persönlichen Stil erkennen lässt.Doch zurück zu Franz Werfel, der gemeinsam mit seiner Frau Alma Mahler-Werfel vor den Nazis floh, zuerst nach Frankreich, später zu Fuß über die Pyrenäen nach Spanien bzw. Portugal und von dort per Schiff in die USA, wo er am 26. August 1945 in Los Angeles starb.Warum ich aus Werfels umfangreichem Oeuvre gerade diese Novelle ausgesucht habe? Weil sie meiner Erinnerung nach so unvergleichlich den Antisemitismus jener schildert, die ihn verdeckt hegten und damit genauso Wegbereiter für die Übernahme Österreichs durch Nazi-Deutschland waren wie der braune Mob.Diese Erinnerung hat sich beim Wiederlesen bestätigt. Schon allein, wie der Hauptcharakter Leonidas rückblickend die unerwartete Hinterlassenschaft eines Fracks betrachtet, die ihm den Besuch von Bällen und Soiréen ermöglichte und somit den Eintritt in die bessere Gesellschaft, ist lesenswert. Ein Studienkollege, der Selbstmord beging, hat ihm diesen Frack hinterlassen. "Der Eigentümer des Fracks war ein ¿intelligenter Israelit'. (So vorsichtig bezeichnet ihn auch in seinen Gedanken der feinbesaitete Leonidas, der den allzu offenen Ausdruck peinlicher Gegebenheiten verabscheut.)" Leonidas will also nicht einmal das Wort "Jude" denken. Nur ned anstreifen, würde der Wiener sagen. Doch schon im nächsten Satz wird er mitleidlos deutlicher: "Diesen Leuten ging es übrigens in damaliger Zeit so erstaunlich gut, daß sie sich dergleichen luxuriöse Selbstmordmotive wie philosophischen Weltschmerz ohne weiteres leisten konnten."Und dann der gewisse Morgen in der erheirateten Villa mit der hübschen reichen Frau, als neben dem Frühstücksgedeck nicht nur die übliche Post des zum Sektionschef aufgestiegenen Leonidas liegt. "Es waren elf Briefe, zehn davon in Maschinenschrift. Um so mahnender leuchtete die blaßblaue Handschrift des elften aus der eintönigen Reihe hervor."Ab nun verläuft der Tag, der sich am Morgen wie ein "April im Oktober" des Jahres 1936 gezeigt hat, anders als durch die Routine eines österreichischen Spitzenbeamten vorgegeben. In dem Brief wird Leonidas ersucht, einem "jungen begabten Menschen, der aus allgemein bekannten Gründen in Deutschland sein Gymnasialstudium nicht fortsetzen darf," den Übertritt in ein österreichisches Gymnasium zu ermöglichen. Was nach einer gewöhnlichen Bittschrift um Intervention klingt, ist in Wahrheit viel mehr, denn die Absenderin Vera Wormser ist Leonidas wohlbekannt. Ihrem Bruder hat er in Wien Unterricht erteilt und später, in den Anfangsjahren seiner Ehe, verbrachte er leidenschaftliche Wochen mit der Studentin Vera in Heidelberg, wohin er vom Unterrichtsministerium zu Fortbildungszwecken entsandt worden war.Leonidas rechnet nach und kommt zu dem Schluss, dass der unbekannte Jüngling womöglich sein Sohn ist. "Nach einer Ewigkeit von achtzehn Jahren hatte den allseits Gesicherten die Wahrheit doch eingeholt."Wie sehr ihn diese Wahrheit einholt, die letztendlich anders und für Leonidas nicht minder erschreckend aussieht, wird auf den nächsten rund hundert Seiten in unnachahmlicher Stilsicherheit aufgerollt und ihrem Ende zugeführt.Ich habe Werfels Novelle bis zum letzten Wort genossen. Was für eine Sprache, was für eine präzise Charakterstudie des schwachen Emporkömmlings Leonidas! Ich hoffe, dass sich nie eine KI an Sätzen wie diesen vergreift: "Was heute allzujung als Aprilmorgen begonnen hatte, endete im Handumdrehen allzualt als Novemberabend."Lest das Original, so lange es noch erkennbar ist!