
Mehr als zehn Jahre lang erreichte die russische Ausgabe der Sesamstraße Millionen von Familien. Die Vision der Sendung: eine neue Realität für die Kinder und Enkelkinder des Landes zu entwerfen - zunächst auf dem Fernsehbildschirm und dann im wirklichen Leben. Natasha Lance Rogoff, die amerikanische Produzentin der Sendung, gibt einen Einblick hinter die Kulissen und erzählt eine turbulente Geschichte von Bombenanschlägen, dem Clash der Kulturen und der zarten Hoffnung, dass es so etwas wie Annäherung zwischen zwei Welten geben kann.
Kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erwartet Natasha Lance Rogoff die Aufgabe ihres Lebens: Sie soll die ur-amerikanische Sesamstraße für das russische Fernsehen adaptieren. Dass es keine Produktion wie jede andere werden wird, zeigt sich bereits im Vorfeld: Der erste Investor entgeht nur knapp einem Bombenattentat, drei Fernsehmanager werden ermordet, und als endlich ein Produktionsbüro bezogen werden kann, wird es kurz darauf vom Militär besetzt. Schließlich sind da noch die Differenzen im russisch-amerikanischen Team: Filme, in denen Männer den Abwasch machen und Patchwork-Familien fröhliche Buchstabenlieder singen, kommen bei den russischen Kreativen nicht gut an - Schwermut und klassische Musik sollen zum Einsatz kommen. Es wird beherzt gestritten, und nur langsam nähern sich beide Seiten an. Am Ende entstehen aber Kulissen und Handpuppen, Filme und Musik, die amerikanische Vorgaben und russische Tradition verbinden. Die Sendung wird ein Riesenerfolg - bis sie von Putin-treuen Fernsehmanagern abgesetzt wird.
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Besprechung vom 19.11.2023
Mit den Muppets nach Moskau
Mitte der Neunzigerjahre brachte die Fernsehproduzentin Natasha Lance Rogoff die "Sesamstraße" nach Russland. Jetzt erzählt sie davon in einem Buch. Es ist ein Lehrstück über einen gelungenen kulturellen Dialog.
Von Harald Staun
Die größten Widerstände schien Natasha Lance Rogoff schon überwunden zu haben, als sie am Buchstaben D verzweifelte. Die Fernsehproduzentin hatte Ende 1992 den Auftrag bekommen, eine russische Version der "Sesamstraße" zu entwickeln, und jetzt, drei Jahre später, als sie endlich Geldgeber und ein Studio gefunden hatte, einen Regisseur, ein Autorenteam - und russische Namen für Ernie (Enik) und Bert (Wlad) - , können die Autoren endlich mit dem Schreiben beginnen. Für die erste Staffel der "Uliza Sesam" sind 52 Folgen geplant, aber höchstens die Hälfte der Sendezeit soll aus synchronisierten Clips der amerikanischen Vorlage bestehen. Deshalb müssen noch mehr als hundert Szenen geschrieben werden, und so sitzt Rogoff mit den Drehbuchautoren zusammen und bespricht deren Vorschläge - wie jenen, in dem den Kindern der Buchstabe "D" beigebracht werden soll. Darin wischt ein trauriger pelziger Muppet langsam einen Linoleumboden. Auf dem Bildschirm erscheint der Buchstabe "D" und eine Stimme sagt: "D wie Depression". Die Autoren finden das lustig, Rogoff kann es nicht fassen: "Ich würde mich nicht wundern, wenn sie als Nächstes ein Drehbuch vorstellen, in dem sich ein Muppet à la Anna Karenina vor den fahrenden Zug wirft, um den Kindern den Buchstaben 'S wie springen' beizubringen", schreibt sie in ihrem Buch "Muppets in Moskau", in dem sie nun erzählt, wie sie damals die "Sesamstraße" nach Russland brachte.
Dass jede regionale "Sesame Street" die Kultur und die Werte des jeweiligen Landes widerspiegeln soll, ist das Versprechen, das die idealistischen Macher der Sendung schon bei vorherigen internationalen Adaptionen als wesentliches Prinzip ihrer Philosophie gegeben hatten. Es gilt auch für die elementaren Vorschulvideos, mit denen die Sendung seit 1969 schon ein paar Generationen amerikanischer Fernsehkinder aufgezogen hat, für die ersten Lektionen über das Alphabet und geometrische Formen, für das kleine Einmaleins der Mathematik und des demokratischen Zusammenlebens. Den Mittelweg zwischen amerikanischer Liberalität und lokalem Traditionsbewusstsein zu finden gehört dabei regelmäßig zu den Herausforderungen für Sesame Workshop, die Produktionsfirma der "Sesamstraße". Auch in Deutschland hatte es großen Widerstand gegeben, als der NDR die Show 1971 erstmals ausstrahlte. Die amerikanischen Lebensumstände seien mit den deutschen nicht vergleichbar, bemängelten Gegner, der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband kritisierte ihre Pädagogik als "Werbe-, Drill- und Überredungsprogramm".
In Russland allerdings, erinnert sich Rogoff, schien der Konflikt der Kulturen anfangs eine unüberwindbare Dimension zu haben. Das Ausmaß der Transformation, die die russische Gesellschaft damals bewältigen musste, war ihr zwar auch schon vorher bewusst. In den frühen Neunzigerjahren hatte sie einen Dokumentarfilm darüber gedreht, wie die ehemaligen Sowjetbürger den Übergang in eine Marktwirtschaft erlebten: in aller Regel als Ausverkauf. Doch nun kam es ihr so vor, als ob "die progressiven Werte der Sesamstraße gegen dreihundert Jahre russischen Gedankenguts antraten", schreibt sie. Dass das Land nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion selbst kaum wusste, auf welche Werte es sich überhaupt besinnen sollte oder welche es für den Aufbruch in eine freie Gesellschaft noch lernen wollte, machte es nicht leichter. "Meine Mitarbeiter sind genau wie ich im Kommunismus groß geworden", erklärt Wika Lukina, die Leiterin der Trickfilmabteilung, ihrer Produzentin einmal. "Wir alle wollen, dass unsere Fernsehsendung die schönen Erinnerungen aus unserer Kindheit heraufbeschwört und uns zugleich etwas Neues gibt. Die meisten Russen wissen aber nicht, was dieses Neue sein soll."
Es sind vor allem Rogoffs Schilderungen dieser Auseinandersetzungen, der Debatten und Missverständnisse, der Lernprozesse und Annäherungen, die auch für Leser interessant sind, die sich nicht für Kinderfernsehen oder Puppenspiel interessieren. Dass die kulturellen Unterschiede so klar zutage treten, obwohl es doch auf den ersten Blick nur darum geht, ein paar Vorschulkindern das Zählen beizubringen, macht ihr Buch zu einem ganz besonderen Psychogramm der russischen Gesellschaft. Dass das vermeintlich unschuldige Feld des Kinderfernsehens ein hochpolitisches Terrain ist, wussten schon die bürgerrechtsbewegten Erfinder der "Sesamstraße", schließlich war es deren erklärtes Ziel, zu fördern, was man heute "mehr Diversity" nennen würde. Auch heute wieder gilt die "Sesamstraße" reaktionären Politikern in den USA als zu liberal und aktivistisch, wie zum Beispiel dem texanischen Senator Ted Cruz, der sich mehrfach über Impf-Ratschläge der Show beschwert hatte.
Aber mit den Russen schienen sich Rogoff und ihr Team damals manchmal nicht einmal darüber verständigen zu können, wie man den Kindern die Dinge erklärt, auf die man sich dann endlich mühsam geeinigt hat. Vor allem die seltsam bunten geschichtslosen Plüschpuppen sind den Kreativen in Moskau suspekt. Die Muppets seien viel zu unrealistisch, weder als Tiere noch als Menschen erkennbar, aus Schaumstoff statt aus Holz und dazu auch noch nackt. Überhaupt habe man eine Puppentradition, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreiche, mit so berühmten Figuren wie der volkstümlichen Petruschka mit großer Nase und verstörendem Lächeln, die gerne andere Puppen verhaut. Oder der Hexe Baba Jaga, die Kinder frisst. Es gebe genug Dinge im Leben der russischen Kinder, die sie gerade verunsicherten, sie bräuchten unbedingt Trost durch Figuren, die sie aus der eigenen Folklore kennen, sagt einmal die Chefautorin der "Uliza Sesam", Lida Schurowa (die dann doch irgendwann kündigt, als die künstlerischen Differenzen zu groß werden).
Die schlimmeren Monster aber lauern in jenen Zeiten politischer Unsicherheit jenseits des Studios. Rogoff erzählt von Treffen mit dubiosen Geschäftsleuten in abgelegenen Lagerhallen, vom Anschlag auf den Oligarchen Boris Beresowski, der sich an der Sendung beteiligen wollte, von der Besetzung des Senders Ostankino TV durch das russische Militär und der Ermordung von Senderchef Wlad Listjew.
Es ist also tatsächlich fast ein Wunder, dass im Oktober 1996 dann tatsächlich die erste Folge der "Uliza Sesam" ausgestrahlt wird, ein Wunder, an dem Rogoff und die Produzenten vom Sesame Workshop mit viel Aufwand und Recherche gearbeitet hatten. Zwischendurch wurde das russische Team sogar nach New York geflogen. Nach vielen Gesprächen über Farbe, Geschlechterrollen und Charakter der Puppen entstanden schließlich auch drei original russische Muppets. Zwar war es Rogoff nicht ganz gelungen, ihnen die russische Schwermut auszutreiben. Aber aus dem grauhaarigen Waldschrat der ersten Entwürfe, der von der 600 Jahre alten Waldgeist-Figur Domowoi inspiriert war, ist am Ende die sympathisch zerzauste Ganzkörperpuppe Seliboba geworden, in deren blauem Fell noch die Blätter hängen. Neben ihm treten ein "goldiger gelehriger Kerl" namens Kubik und ein selbstbewusstes pinkes Mädchen namens Businka auf, die gerne Lambada tanzt.
Die Figur Seliboba verkörpert perfekt die Symbiose von Demokratieexport und autochthonem Geschichtsbewusstsein - und die Tatsache, dass die Muppets damals eben nicht nur als imperialistische Agenten wahrgenommen wurden, die nach Russland geschickt wurden, um dem Kapitalismus den Boden zu bereiten, wie es die sowjetische Propaganda etwa in den Siebzigerjahren argwöhnte. Für sie war die "Sesamstraße" nur das jüngste Beispiel für einen amerikanischen Kulturimperialismus, der sich per Satellit in die Kinderköpfe auf der ganzen Welt einschleicht und ihnen Flausen wie Privatbesitz und Unternehmergeist einpflanzt; schon der Name "Sesam" sei verräterisch, schrieb damals eine sowjetische Zeitung; es sei bestimmt kein Zufall, dass das Wort "öffne dich" bedeutet. Aber auch 1995 warnte noch eine große Kulturzeitung davor, dass die Sendung russische Schulbildung durch "amerikanisches Kaugummi für die Massen" ersetzen und "die russischen Kinder verführen" wolle.
Zwar wurde auch das "Uliza Sesam"-Projekt sowohl von USAID, der US-Behörde für internationale Entwicklung, als auch von einer Soros-Stiftung mit mehreren Millionen Dollar gefördert. Aber der Wunsch nach Wandel kam nach dem Ende der kommunistischen Diktatur eben auch aus der russischen Gesellschaft - und war noch nicht ganz unter den Trümmern zerbrochener Illusionen begraben. Es war Elena Lenskaja, eine leitende Beamtin des russischen Erziehungsministeriums, die im Januar 1992 im Haushaltsausschuss für Auswärtiges des US-Senats vorgesprochen hatte (dessen Vorsitz damals Senator Joe Biden hatte): "Unsere Kinder sind sehr lange von den anderen Kindern in der Welt abgeschnitten gewesen. Aber um miteinander kommunizieren zu können, brauchen sie etwas, das sie alle gemeinsam haben. Das sollte nicht der Terminator sein oder Rambo", sagte sie, "sondern die 'Sesamstraße'." Den Drehbuchautoren dagegen musste man die Sehnsucht nach dem Westen manchmal eher sogar austreiben, erinnert sich Rogoff, viele reichten anfangs Szenen ein, in denen es darum ging, Russland zu verlassen, zum Beispiel mit einer fliegenden Untertasse nach Frankreich, um Gänseleberpastete zu essen.
"Muppets in Moskau" ist ein Lehrstück über den gelungenen kulturellen Dialog. Es ist auch deshalb so interessant, weil es heute selbst wie ein Märchen aus alten Zeiten klingt. Drei Staffeln der "Uliza Sesam" wurden produziert, 2010 wurde sie zum letzten Mal ausgestrahlt. Die meisten ihrer damaligen Kollegen hätten "sich vom Fernsehen abgewandt (...), um nicht die Pro-Kreml-Propagandaprogramme zu bedienen", schreibt Rogoff. Die Kinder, die mit der Sendung aufgewachsen sind, werden heute an die Front geschickt. Was ihre Kinder heute zu sehen bekommen, will man lieber nicht wissen.
Natasha Lance Rogoff: "Muppets in Moskau. Die völlig verrückte Geschichte, wie die Sesamstraße nach Russland kam". Übersetzt von Frank Sievers. Suhrkamp, 413 Seiten
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