Diese bewegende Autobiografie macht strukturelle und systematische Benachteiligung von Armutsbetroffenen sichtbar. Trotzdem: Harte Lektüre.
Wie oft hören wir das Märchen von den angeblich faulen Menschen, die selbst schuld sind, wenn sie arm sind oder drogenabhängig. Katriona O'Sullivan räumt mit diesem Märchen auf. Sie zeigt, wie häufig sie das System im Stich ließ - und wie sehr sie später von der gezielten Förderung in Irland profitierte. Sie erzählt von ihrem eigenen, harten Leben - und die Lektüre ist wirklich manchmal heftig. Sie wird es schaffen, das verrät schon der Klappentext, dennoch ist ihr Buch so weit wie irgendwie möglich davon entfernt, zu einem kitschigen "Inspirational Port" zu verkommen.Katrionas Lebensweg schien von Geburt an vorgegeben. Sie wächst in Armut auf, mit suchtkranken Eltern, denen immer wieder Kleinkriminalität und Prostitution die Sucht finanzieren. Oftmals gibt es nicht mal genügend zu essen, Katriona erlebt schon als Kind sexualisierte Gewalt, selbst, als sie es benennen kann , spiegelt ihr die Mutter nur fatalistisch, dass sie das von dem selben Bekannten selbst erleben musste. Sogar die Lehrer*innen, die Katriona für intelligent halten, trauen ihr nicht mehr zu als maximal einen Realschulabschluss. Aufstiegsträume gibt es immer wieder, aber die Rückschläge kommen heftig und gnadenlos. Ich habe beim Lesen so sehr mitgefiebert, dass sie es schafft, aber das ist eben kein Märchen, sondern die Realität.Selbst als es O'Sullivan nach den vermeintlichen Maßstäben geschafft hat, ein erfolgreiches Studium und eine Karriere an der Universität, erfährt sie Klassismus. Ihr Maß an Selbstrefexion und Reflexion der Verhältnisse ist beeindruckend. Sexismus und Intersektionalität macht sie immer wieder zum Thema, wie die Vorurteile, die armen Frauen in Bezug auf Mutterschaft entgegengebracht werden, obwohl sie vieles mit gezielter Unterstützung einfach beheben ließe.O'Sullivan verfällt nie dem Fehler, ihren Erfolg als pure eigene Leistung zu feiern (auch, wenn ich als Lesende ihren Durchhaltewillen wirklich bewundere). So wie die Rückschläge zufällig oder willkürlich waren, so sind es auch die glücklichen Fügungen, die O'Sullivan erlebt, damit sie aus dem Teufelskreis der Armut ausbrechen konnte. Ihr Plädoyer für eine gezielte Förderung armer Menschen ist daher umso eindringlicher."Ich will kein "Vorbild" für jemanden sein, kein Beispiel für eine "Erfolgsstory". Ich will nicht, dass der Eindruck entsteht, ich hätte alles aus eigener Kraft geschafft, denn das stimmt nicht. Hätten mir alle diese Menschen nicht ihr Mitgefühl entgegengebracht, wären sie nicht so entschlossen gewesen, dieses wütende Mädchen ohne Chancen vom Grund des Grabens emporzuheben, wäre ich immer noch dort."Manchmal ist die Lektüre richtig heftig, vielleicht hätte ich sie mir manchmal zugänglicher gewünscht. Aber vielleicht lernen wir dadurch umso mehr, wie hart und unzugänglich das Leben für armutsbetroffene Menschen ist, die alle besseres verdient hätten.