
Besprechung vom 21.05.2026
Gedanken einer Dauerreisenden
Ein kleines Restaurant, ein milder Sommerabend, am Nachbartisch sitzt eine Frau. Sie ist Schriftstellerin und hat schon viel von der Welt gesehen. Sie bestellt eine Flasche Rotwein, lädt an ihren Tisch ein und beginnt zu erzählen: davon, wie sie von der Stubenhockerin zur Reisenden wurde; wie sie mit dem Containerschiff die Welt umrundete; und warum ausgerechnet das Nachhausekommen für sie das Schönste ist. Sie kommt vom einen zum anderen, schweift ab, und dennoch lauscht man ihr gespannt. Die vielen Details über ferne Orte, Anspielungen auf Abenteuer und Erkenntnissplitter fesseln ihre Zuhörer, die in Wirklichkeit Leser sind. Doch wer das Buch "Reisen" von der Georg-Büchner-Preisträgerin Felicitas Hoppe liest, hat den Eindruck, einer Weitgereisten zu lauschen. Das Buch ist weder ein klassischer Reisebericht noch eine Anleitung zum Reisen. Es ist eine Einladung zum Nachdenken: Anekdoten aus ihrem Leben als reisende Schriftstellerin, kombiniert mit scharfsinnigen Beobachtungen, Wissenshäppchen und einem Hauch Weltschmerz. Hoppe hadert mit ihrer Zunft, reflektiert den bitteren Beigeschmack kulturpolitisch subventionierter Schriftstellerreisen, die so tun, als ließe sich das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Sie erklärt die Schwierigkeit, Bericht zu erstatten, wenn der einzige weiße Fleck auf der Karte man selbst ist. Und sie fragt sich, was den Dauerreisenden motiviert. Bildung sei nur ein vorgeschobener Grund, so Hoppe. Es sei der Drang nach Bewegung, Veränderung, der den Reisenden antreibe. Wer wenig gereist ist, an den appelliert das Buch, sich auf den Weg zu machen. Denn trotz aller Risiken und Nebenwirkungen hält Hoppe Reisen für essenziell. Wer viel gereist ist, der fühlt sich ab und an ertappt - etwa, wenn Hoppe über das Bedürfnis schreibt, der Erste und Einzige an vermeintlich unentdeckten Orten sein zu wollen, und über eine Tourismusindustrie, die diese Sehnsüchte monetarisiert. Das Buch lädt ein, über die eigenen Erfahrungen nachzudenken und die Zeit zu überbrücken, bis man sich selbst wieder auf den Weg macht. CAROLINE BECKER
"Reisen" von Felicitas Hoppe. Hanser Berlin, Berlin. 128 Seiten. Geb.
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