
Besprechung vom 15.02.2026
Die verlängerte Jugend
"Die Pause ist vorbei" ist vieles auf einmal: ein Generationsporträt, ein Campusroman, vielleicht sogar ein Krimi. Und bei Millennials in Italien ein Kultbuch.
Von Anna Vollmer
Erste Sätze sind oft überbewertet. Wer bricht ein Buch ab, nur weil der Anfang nicht knallt? Andererseits gibt es eben diese ersten Sätze, die richtig gut sind. So, dass man weiterlesen will, sofort. Erste Sätze wie diese hier: "Oft genug stellt eine einzelne Entscheidung die Weichen für ein ganzes Leben. Trotzdem habe ich sämtliche Entscheidungen bislang ausschließlich nach dem Zufallsprinzip getroffen. Hätte ich fünf Minuten später entscheiden müssen, hätte ich wohl in aller Seelenruhe das genaue Gegenteil getan."
So beginnt "Die Pause ist vorbei", der zweite Roman des italienischen Schriftstellers Dario Ferrari, der in Italien vor drei Jahren erschien, seitdem zu einer Art Kultbuch geworden ist und in der kommenden Woche auf Deutsch herauskommt. Ein Kultbuch wohl deshalb, weil ziemlich viele Menschen um die 30, würde man sie fragen, ob sie sich in diesen Sätzen wiederfinden, sofort zustimmen würden.
"Die Pause ist vorbei" ist vieles auf einmal: ein Generationsporträt, ein satirischer Campusroman, ein literarisches Spiel und vielleicht sogar ein Krimi. Er erzählt von Marcello, einem jungen Mann um die dreißig, der sich - durch eine seltsame Verkettung von Umständen - plötzlich als Doktorand in der Fakultät für Italianistik wiederfindet, eine Entwicklung, die nicht nur ihn selbst erstaunt. Denn Marcello, der in Viareggio wohnt, studiert schon seit sehr langer Zeit in Pisa. Der Roman nennt ihn einen Oblomow, weniger intellektuell ausgedrückt würde man wohl sagen: Marcello ist ein Hänger.
Wer schon mal an der Uni war, kennt diese Typen: klug, irgendwie sympathisch, aber ohne besondere Ambitionen. Nicht selten kommt es vor, dass solche Männer Freundinnen haben wie die von Marcello im Roman: klug, sympathisch, mit deutlich mehr Ambitionen. Letizia, so heißt die Freundin der Hauptfigur, studiert Medizin, ist organisiert, fährt Smart. Der Smart ist nicht unwichtig, weil er eins der vielen Details in diesem Roman ist, die einem das Gefühl geben, ein Buch über die wirkliche Welt zu lesen. Weil sie so gut zu den Figuren passen und zum Italien von heute (an keinem Ort der Welt wurde der Smart so oft verkauft wie in Rom).
Letizia jedenfalls möchte eine erwachsenere Beziehung. Marcellos Vater hingegen will, dass der Sohn endlich anfängt, zu arbeiten (am besten in dessen Bar). Gegen diesen Ernst des Lebens gibt es nur ein Mittel: ihn weiter aufzuschieben. Und was wäre dafür besser geeignet, als die akademische Laufbahn noch ein bisschen zu verlängern? Also: eine Doktorarbeit zu schreiben?
Das Problem ist nun aber, dass Marcello in erste Linie Leser, kein Akademiker ist. Dass darin ein entscheidender Unterschied besteht, darauf beruht ein großer Teil der Komik in diesem Roman. Es ist der Blick eines Außenseiters, der sich plötzlich in den Niederungen des Universitätsbetriebs wiederfindet und feststellen muss, wie absurd es dort zugeht.
Obwohl geisteswissenschaftliche Fächer an Universitäten mehr und mehr zusammengekürzt werden und sich immer weniger Menschen für ein geisteswissenschaftliches Studium entscheiden, sind Campusromane, in denen es vor allem um diese Fächer geht, gerade wieder sehr beliebt. "Dark Academia" nennt sich ein populäres Genre, doch wird dort oft ein eher Harry-Potter-haftes Klischee von Schule und Universität gepflegt: dicke Wälzer, altehrwürdige Bibliotheken. Um strategisches Zitieren in wissenschaftlichen Aufsätzen oder das übersteigerte Selbstbewusstsein geisteswissenschaftlicher Professoren geht es weniger. Ferrari legt hier jedoch erst richtig los: Da gibt es Professoren, die verlangen, einen Flug mit der Business Class bezahlt zu bekommen, weil sie ein Buch mit dem Titel "Die Metrik in der mundartlichen Dichtung Italiens im 19. und 20. Jahrhundert" geschrieben haben. Oder solche, die sich inmitten einer italienischen Altstadt weigern, ein Hotelzimmer zu belegen, in dem man Kirchenglocken hört. Eine satirische Überspitzung, klar. Aber doch nicht so fern der Realität, als dass man nicht wüsste, welche Art Mensch hier gemeint ist.
Überhaupt ist Ferrari sehr gut darin, Phänomene in wenigen Sätzen auf den Punkt zu bringen. Die geradezu rasante Entwicklung eines Landes zum Beispiel, in dem ein großer Teil der Großelterngeneration noch in (oft ländlicher) Armut aufwuchs, in dem die Enkel es nun aber, trotz hoher Arbeitslosigkeit und oft miserabler Bezahlung, häufig deutlich besser haben. Während viele aktuelle Romane weiterhin so tun, als sei Italien in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts stehen geblieben (oder sie gleich in dieser Zeit angesiedelt sind), sieht die zeitgenössische italienische Realität bei Ferrari so aus: "Jede Generation schreibt folglich ihre eigene Geschichte. Meine mag sich zwanzig Jahre Pubertät spendieren, kriegt jedoch Dinge hin, von denen unsere Großeltern nur träumen konnten: in zehn Minuten einen Urlaub zu buchen oder sich eine schwindelerregende Zahl von Tastenkombinationen zu merken, um eine Runde Pro Evolution Soccer zu spielen."
Prekär ist es oft trotzdem - Marcello lebt aus gutem Grund noch zu Hause -, aber wer im 21. Jahrhundert prekär lebt, hat trotzdem ein Handy und Zeit zu verbummeln. Dass die Nöte dennoch existenziell sein können, macht der Roman sehr deutlich und beschreibt die Perspektivlosigkeit junger Menschen viel besser, als folkloristische Armutsbeschreibungen es könnten. Eine Doktorarbeit zu schreiben, ist manchmal eben nicht nur eine Flucht vor dem Erwachsenwerden, sondern auch vor der Erkenntnis, dass andere Jobs für Geisteswissenschaftler rar gesät sind.
Nachdem Marcello sich zahllose Gedanken gemacht hat, worüber er seine Arbeit nun schreiben könnte, gibt ihm sein Doktorvater, ein altlinker Professor namens Sacrosanti, ein Thema. Marcello soll sich mit einem Mann namens Tito Sella beschäftigen, eher bekannt für seine terroristischen Anschläge in den Siebzigern als für seine Romane. Nach anfänglicher Verwunderung über die Absurdität des Themas begibt sich Marcello immer tiefer in die Recherche. Und so wird Sellas Leben im Verlauf des Romans zum Buch im Buch, zu einer Geschichte, in der sich die Situation Marcellos und seiner Kommilitonen zumindest in Ansätzen widerspiegelt und manche Figuren fast miteinander verschwimmen. Wie genau es dazu kam, dass Sella zum Terroristen wurde, obwohl das, so wird schnell klar, gar nicht seinem Charakter entspricht, ist das Krimi-Element des Romans, das erst ganz zum Schluss aufgelöst wird.
Wenn es in "Die Pause ist vorbei" Passagen gibt, in denen die Figuren etwas blass rüberkommen, dann geht es meist um Gefühle. Um das Verhältnis zum Vater und zu Frauen. Letztere sind mehr Projektionsfläche als tatsächliche Charaktere - mitunter wirkt es fast so, als sei Letizia für Marcello nach jahrelanger Beziehung noch immer ein exotisches Rätsel, für dessen Lösung er sich kaum interessiert. Doch vielleicht ist auch das ein nicht ganz unzutreffendes Porträt bestimmter junger Männer, die fürchten, sich auf irgendetwas festlegen zu müssen, das den Schwebezustand des Mittzwanzigerlebens ins Wanken bringen könnte, auch wenn sich um sie herum alles ändert, die kiffenden Partykumpanen von einst plötzlich heiraten und Kinder bekommen.
Ein sehr zeitgenössisches Buch zu übersetzen, ist nicht einfach. Christiane Pöhlmann gelingt es, auch wenn ihre Übersetzung nicht immer so lässig und lustig ist wie das Original. An einer Stelle heißt es über Pier Paolo, einen weiteren Doktoranden, er spreche beim Reden sogar das Semikolon mit. Das ist lustig, weil das Semikolon ein absurdes Satzzeichen ist, das fast niemand mehr benutzt. Warum es in der deutschen Übersetzung zu einer "Fußnotenziffer" wird, versteht man deshalb nicht ganz.
All das verzeiht man aber, weil man beim Lesen so oft nicken und lachen muss. In seinem Nachwort schreibt der Autor, über "Ähnlichkeiten zu irgendjemandem oder zu bestimmten Dynamiken in ähnlichen Zusammenhängen" wäre er zufrieden, denn er habe "ein zwar irreales, aber keineswegs unrealistisches Ambiente" zeichnen wollen. Das, kann man sagen, ist gelungen.
Dario Ferrari: "Die Pause ist vorbei". Roman. Aus dem Italienischen von Christiane Pöhlmann, Wagenbach Verlag, 352 Seiten
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