"Ein Zimmer für sich allein¿ ist ein 1929 erschienener Essay von Virginia Woolf, der auf zwei Vorträgen basiert. Woolf äußert hier, z. T. assoziativ, feministische und literaturwissenschaftliche Thesen. Ihr Ausgangspunkt dabei ist, dass eine Frau erst literarisch aktiv werden könne, wenn zweierlei gegeben sei: ein finanzielles Auskommen, um unabhängig vom Einkommen eines Mannes zu sein, sowie ein eigener Raum, in dem sie nicht (von Männern) gestört wird. Der "Raum¿ ist dabei sowohl wörtlich als auch metaphorisch zu verstehen: Einerseits werden Frauen reale Räume der Wissensaneignung, wie die Universität oder die Bibliothek, verwehrt. Andererseits fehlt - real wie gedanklich - ein Raum im Privaten, in dem eine Frau - ungestört von Haushalt und Kindererziehung - schreiben bzw. schöpferisch tätig werden kann. Zudem wurde (und wird) den Gedanken von Frauen selten Raum gegeben, häufig wurden diese von männlicher Seite erstickt, ehe sie sprießen konnten. Ein diskursiver Raum, in dem Frauen sich über ihre Gedanken austauschen können, existiert dadurch nicht. Insbesondere der fehlende Zugang zu Wissensräume illustriert Virginia Woolf anschließend anschaulich mithilfe eines Spaziergangs durch die fiktive Universität "Oxbridge¿, währenddessen die weibliche Spaziergängerin sich den männlichen Vorschriften beugen muss. Ein weiterer Punkt, den Woolf zur Sprache bringt, ist das Thema "Frauen und Literatur¿. Dabei merkt sie zunächst an, dass es hauptsächlich Literatur über Frauen gebe, geschrieben von Männern, die meist mit einer verurteilenden, despektierlichen Feder schrieben, mit dem Ziel, das Patriarchat zu zementieren. Um mit dieser Perspektive z. T. zu brechen, führt sie eine kurze Geschichte der schreibenden Frauen an, in der u.a. Margaret Cavendish, Charlotte Brontë und Jane Austen genannt werden. Besonders spannend ist in diesem Kontext ein gedankliches Experiment Woolfs, mit dem sie die Schwierigkeiten einer schreibenden Frau veranschaulicht: Hätte Shakespeare eine Schwester mit gleichem literarischen Talent gehabt, so hätte sie nie Shakespeares Ruhm erlangen können, da sie gesellschaftlich - vom Patriarchat - verspottet und mundtot gemacht worden wäre. Zuletzt äußert Virginia Woolf die These, um vollkommen schreiben zu können, müsse man eine androgyne Seele besitzen, also gleichermaßen Männliches und Weibliches vereinigen. Man muss nicht zwangsläufig jeder These von Virginia Woolf folgen (gerade die Androgynitäts-These wird in der Literaturwissenschaft stark diskutiert), unbedingt beachtenswert ist aber die Grundthese des fehlenden Raumes für Frauen. Denn: Nach der Lektüre bleibt auch Ernüchterung zurück (wofür allerdings Woolf keine Verantwortung trägt). Obwohl mittlerweile fast 100 Jahre ins Land gezogen sind und unsere Gesellschaft Fortschritte gemacht hat, ist diese Grundthese noch drängend: Bedenkt man die häufig ungleiche Verteilung von Care-Arbeit oder die Gender-Pay-Gap, so ist noch nicht der Zustand erreicht, dass jede Frau ein Zimmer für sich allein hat (metaphorisch wie buchstäblich). Daher ist Woolfs Essay nach wie vor brandaktuell und unbedingt lesenswert - insbesondere Männer sollten diesen Text häufiger lesen.