Fleury-Saga in Höchstform. Bildungsvision, Familienerbe und ein brillanter Bösewicht auf 1100 Seiten.
Varennes-Saint-Jacques im Jahre des Herrn 1218. Rund drei Jahrzehnte sind vergangen, seit Michel Fleury als junger Salzhändler das Familiengeschäft übernahm. Aus dem jungen Aufsteiger ist inzwischen der Bürgermeister von Varennes geworden, ein Mann in seinen mittleren Jahren, der seine Stadt zu Frieden und Wohlstand führen möchte, während im umliegenden Lothringen ein brutaler Krieg tobt. Neben Michel steht sein Sohn Rémy im Zentrum des Romans. Rémy ist Buchmaler geworden und trägt einen für seine Zeit revolutionären Traum in sich: eine Schule, in der jeder Mensch lesen und schreiben lernen kann, unabhängig von Stand, Herkunft und Geldbeutel. Bildung war im Mittelalter Privileg, Wissen war Macht, und Menschen, die diese Machtstrukturen infrage stellten, wurden schnell zu Feinden. Die dritte Hauptfigur ist Philippine, eine junge Patrizierin, die in einer düsteren Vergangenheit gefangen ist und eine Entscheidung trifft, die alles verändern wird. Und während die drei ihre Wege gehen, schmiedet der ehrgeizige Ratsherr Anseau Lefèvre Pläne, die Familie Fleury zu vernichten, ohne dass jemand ahnt, welches grausige Geheimnis er selbst hegt.Was Daniel Wolf, bürgerlich Christoph Lode aus Speyer, im historischen Roman zu einer eigenen Klasse macht, ist die selbstverständliche, unaufdringliche Genauigkeit seiner Recherche. Man erfährt, wie eine mittelalterliche Stadt-Selbstverwaltung im Lothringen des frühen 13. Jahrhunderts funktionierte, wie Handel abgewickelt wurde, wie Bildung strukturiert war und warum Rémys Traum wirklich revolutionär war. Die Buchmaler-Kunst, die durch Rémy in den Roman kommt, ist besonders liebevoll recherchiert. Wir erfahren, wie mittelalterliche Manuskripte entstanden, welche Techniken es gab, welche Materialien verwendet wurden, und warum Bücher im Mittelalter kostbarer waren als Gold. Und all das kommt niemals als Vortrag, sondern immer durch die Handlung transportiert.Varennes-Saint-Jacques wird unter Wolfs Händen zu einem Ort, den man wirklich bereisen möchte. Die engen Gassen, die belebten Marktplätze, die Handwerker-Viertel, die Kirchen und Klöster. Man riecht die Salzhandels-Ware in Michels Lagerhäusern, hört das Rattern der Holzräder auf dem Kopfsteinpflaster, spürt die Kälte der Klostergänge im Winter. Auch die religiöse Alltagsdichte des Mittelalters wird spürbar, ohne moderne Verzerrung.Besonders stark ist die generationsübergreifende Perspektive. Michel als reifer, weiser Bürgermeister trifft in seinem Sohn Rémy auf einen Menschen, der ihn herausfordert. Rémy denkt visionär, sieht eine Zeit vor sich, in der Bildung nicht mehr Privileg der Wenigen sein wird, und Michel teilt die Ideale, weiß aber pragmatisch, dass große Visionen manchmal nur durch kleine Schritte umgesetzt werden können. Diese Vater-Sohn-Dynamik ist eine der emotional wirkungsvollsten Ebenen des Romans. Isabelle bekommt in Band 2 mehr Substanz, und Philippine bringt eine weibliche Erzählebene mit, die weit über die klassische Nebenrollen-Struktur historischer Romane hinausgeht. Anseau Lefèvre schließlich ist eine der besten Bösewicht-Zeichnungen der neueren deutschen Historik. Nicht plakativ, sondern psychologisch nachvollziehbar in seiner Rachsucht, mit einem grausigen Geheimnis, das den Roman düster grundiert.1100 Seiten sind eine Ansage, und trotzdem trägt Wolf diese Länge mit einer Souveränität, die ihresgleichen sucht. Der Roman zieht sich nie. Jede Szene bringt etwas Neues. Man liest die 1100 Seiten und wundert sich am Ende, dass es schon vorbei ist.Ehrlich gesagt sollte man Band 1 "Das Salz der Erde" vorher gelesen haben, um die Figurenkonstellationen und den Zeitsprung von rund 30 Jahren voll einordnen zu können. Der Umfang fordert Ausdauer. Und das große Ensemble hätte ein Personenregister verdient.Für Rebecca-Gablé-, Ken-Follett- und Iny-Lorentz-Leser:innen eine der besten deutschen Mittelalter-Sagas überhaupt.