Am 20. Oktober 1935 kam Hermann Göring auf die Eiderstedter Halbinsel und weihte den nach ihm benannten Koog ein. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Ort umbenannt in Tümlauer Koog. Hier spielt Am Rand der Welt.
Einen Koog aufzubauen hatte zur Zeit des Nationalsozialismus eine große symbolische Bedeutung. Dem Meer wurde durch schwere körperliche Arbeit Tausende Hektar Neuland abgetrotzt. Das entsprach der Ideologie.
Caroline Bernard macht ihre Protagonistin Grete zu einer der ersten Siedler*innen des Tümlauer Koogs. Die Deiche machten eine Besiedelung möglich und hielten die Nordsee, den Blanken Hans, auf Abstand. Im Sommer 1935 zieht sie mit ihrem Mann Johann und den 3-jährigen Zwillingen von Lindewitt bei Flensburg auf die Halbinsel.
Das Leben ist ein Kampf, gegen das Salz im Boden, gegen die Stürme, die Einsamkeit und den Schrecken des Krieges, der die Männer von den Höfen holt. Doch wer einmal die Nordsee mit all ihrer unbeschreiblichen Schönheit erlebt hat, der versteht, dass Grete im Watt ihre Kraft wiederfindet.
Bei einem letzten Besuch in der alten Heimat im Koog mit Kristine erwähnt Grete eine alte Schuld und lässt ihre Enkelin mit unzähligen Fragen zurück. Kristine beginnt mit der Suche im Koog und erkennt, dass ihr Leben mit dem ihrer Ahninnen stärker verknüpft ist als sie dachte.
Die Gegenwart dient als Projektionsfläche, um ein Leben in lebensbedrohlichen Zeiten in seiner Komplexität und Ambivalenz zu erfassen.
Caroline Bernard ist eine großartige Erzählerin. Die Nordseeküste wird in all ihren Farben, Gerüchen und Geräuschen lebendig. Sie lässt die unbändige Kraft der Sturmflut gegen den Deich schlagen, macht das Bangen, Hoffen und Harren greifbar. Ganz nah an den Figuren erzählt sie von der grausamen Zeit der ersten Hälfte des unbarmherzigen 20. Jahrhunderts. Grete wird so lebendig, dass es fast unmöglich scheint, dass es sich um eine fiktive Figur handelt. Die Ängste und Nöte Gretes werden spürbar, das Entsetzen gegenüber der grausamen Ideologie und ihrer Vertreter*innen ist beklemmend real.
Am Rand der Welt ist eine Liebeserklärung an das Wattenmeer als Kraftort, eine Annäherung an das Thema der weitergereichten Traumata aus der Kriegsgeneration und eine Erzählung von der übermenschlichen Kraft in finsteren Zeiten, sich selbst und die Tochter zu schützen.