Sunburn von Chloe Michelle Howarth, übersetzt von Karoline Hippe, erschien am 30.05.2025 bei Pola Verlag. Der Roman erzählt von Lucy, die Anfang der 90er Jahre in einer irischen Kleinstadt lebt, in der scheinbar schon feststeht, wie ein Mädchen zu sein hat: nett, hübsch, angepasst und irgendwann Ehefrau und Mutter. Doch während eines langen Sommers verliebt sie sich in ihre Freundin Susannah und beginnt zu begreifen, dass das, was sie fühlt, nicht in die Welt passt, in der sie aufgewachsen ist.
Meine Meinung
Von 0 auf 100 ist man wieder mitten drin in den Teenie-Jahren. So gings zumindest mir. Die(se) unglaublich intensive Atmosphäre des Jugendalters hat mich sofort gehabt. Chloe Michelle Howarth schafft es, das ländliche Irland der 90er mit seinen engen gesellschaftlichen Erwartungen greifbar zu machen. Die religiöse Prägung, das Gerede im Dorf, die Rollenbilder all das wirkt bedrückend real und gleichzeitig erschreckend zeitlos. Aber das Fehlen von Mobiltelefonen war dann doch zu offensichtlich "aus der Zeit gefallen" ;)
Von der Figurenzeichnung her fand ich Lucys innere Zerrissenheit besonders gut dargestellt. Dieses Gefühl, anders zu sein, ohne überhaupt Worte dafür zu haben, zieht sich schmerzhaft ehrlich durch den ganzen Roman. Schon früh merkt man ihre Sehnsucht nach einem anderen Leben: Seit Kurzem will ich wirklich herausfinden, wer ich bin. (S. 10) Oder später dieser Satz, der den Zwiespalt der Jugendjahre im Kern trifft: Er will sein Mädchen von nebenan. Ich will das Mädchen in dem großen, leeren Haus am anderen Ende des Dorfes. (S. 96)
Die Liebesgeschichte zwischen Lucy und Susannah ist dabei gleichzeitig zart und zerstörerisch. Heimlich, intensiv, manchmal fast atemlos erzählt. Besonders hängen geblieben ist mir: Ich bin machtlos. Wenn du mich willst, bin ich dein. (S. 108) Diese erste große Liebe fühlt sich hier nicht romantisiert an, sondern roh, verwirrend und absolut existenziell. Und auch ein bisschen cringe.
Das Buch hat für mich aber nach dem starken Anfang auch ein paar Längen. Manche Szenen wiederholen emotional ähnliche Dynamiken, wodurch sich der Mittelteil stellenweise gezogen hat. Trotzdem mochte ich die Charakterentwicklung wahnsinnig gern vor allem Lucy, die nach und nach beginnt, sich selbst & ihr(e) Begehren überhaupt erst wahrzunehmen.
Fazit
Sunburn ist ein sensibles, melancholisches Debüt über queeres Erwachsenwerden, gesellschaftlichen Druck und die Angst, nicht richtig zu sein. Nicht alles hat mich komplett überzeugt, aber die Atmosphäre und die emotionale Ehrlichkeit bleiben definitiv hängen. Empfehlung für alle, die literarische Coming-of-Age-Romane, queere Liebesgeschichten und starke Figurenentwicklungen mögen. Herzlichen Dank an den netgalley.de und den Pola Verlag für das Rezensionsexemplar!