In "gewöhnungsbedürftig" wird die Geschichte der chaotischen 37- jährigen Protagonistin Katha erzählt, die in Berlin lebt und deren Leben sich stark von dem ihres Freundeskreises, der ein geordnetes Leben führt, abhebt. Nach einer weiteren gescheiterten Beziehung und einem Treppensturz, bei dem sie sich den Arm bricht, zieht sie vorübergehend wieder zu ihrer Mutter ins beschauliche Bad Godesberg. Neben Vergangenheitsbewältigung, Auseinandersetzungen mit ihrer Mutter und schonungsloser Selbstreflexion, muss sie sich der Frage stellen, ob ihr cooles, alternatives Leben sie wirklich glücklich macht, oder ob es an der Zeit ist, zu sich zu stehen statt vor sich selbst wegzulaufen und die volle Verantwortung für sich selbst zu übernehmen.
Daniela Wilmer hat mit "gewöhnungsbedürftig" ein interessantes Buch geschrieben, dass sich für mich wie eine wilde Reise angefühlt hat. Ihr Schreibstil ist modern, authentisch und sehr erfrischend. Schonungslos ehrlich beschreibt sie das Leben der 37- jährigen Katha und trifft damit die Nöte, Sorgen und Sehnsüchte der Millenials, die kein heile Welt Bilderbuch-Leben führen und im Spannungsfeld zwischen Sinnhaftigkeit und Desillusionierung leben ganz gut. Was ist, wenn man mit 37 wieder Single ist, nicht zu sich selbst steht und seinen Platz in der Welt noch nicht gefunden hat? Was ist, wenn man sich bisher nahtlos in die Welt der Partner eingefügt hat, ohne seine eigene Welt zu kreieren in der man auch alleine glücklich ist, sondern immer noch auf Anerkennung von außen angewiesen ist? Wenn man weiß, was man alles nicht will, aber keine Ahnung hat was man will? Diesen Fragen geht Daniela Wilmer in diesem Roman gnadenlos ehrlich und mit viel Witz und Ironie nach. Dabei werden familiäre Konflikte sowie Traumata und generationenübergreifender Ballast wunderbar beleuchtet.
Besonders gut gefallen hat mir die tiefgehende Selbstreflexion und die Entwicklung der Protagonistin Katha von einer Person, die die Lebensentwürfe aller anderen und sich selbst gerne kritisiert aber nicht ins Handeln kommt, hin zu einer Person, die langsam und leise Verantwortung für sich übernimmt. Großartig fand ich, dass tolle Gespräche zwischen ihr und ihrer Mutter stattfinden und eine Heilung der Mutter-Tochter Beziehung beginnt. Auch die Entwicklung und Gespräche mit ihrem Schulfreund Bruno haben mir gut gefallen. Das Buch birgt auch ganz tolle Botschaften bzgl. Selbstakzeptanz, People Pleasing, Anpassung von Frauen in Beziehungen und die Rollenverteilung als Eltern. Mit feiner Ironie und Witz werden viele Lebensthenen, wie zu emotional und "too much" zu sein, Stillen als der heilige Gral, die Aufopferungsbereitschaft von Müttern und die High Performance im Freundeskreis und auf Instagram beleuchtet. Kathas Sehnsüchte und Wünsche wie bspw. sich selbst sein zu dürfen und keine Show mehr vor nahestehenden Menschen und in der Beziehung mehr abziehen zu müssen, konnte ich gut nachvollziehen. Vieles hat mich auch zum Nachdenken gebracht.
Was mir nicht so gut gefallen hat, war die Darstellung von übermäßigem Alkoholkonsum als Problemlöser und Türöffner für tiefgende Gespräche.
Fazit: Spannendes Buch über das Lebensgefühl als Millenial, der kein vorzeigbares, perfektes Insta Leben führt. Authentisch, ehrlich, warmherzig und mit großartigem Humor.