
Besprechung vom 31.01.2026
Verlockend ist die Farbe des Ertrinkens
Es ist, als wäre sie in winterlicher Morgendämmerung in die eisklare Luft gehaucht worden und dort prompt eingefroren wie der kurz stehenbleibende Atemhauch bei unter null Grad, diese leise Selbstrede des Gedichts, betitelt "6:59", um jetzt, da sie in Schrift, in Tinte taute, wieder lauter zu werden mit ihrer kargenden Klage um die Unauffindbarkeit von Zuflucht "vor dem Farbglanz" und vor jener "das Genick beugenden Unruhe". Eine Passage von Rabelais fällt mir ein, die, wenn auch in ungleich rauschenderem Kontext, ein in der Vergangenheit Ausgehauchtes, Eisiges, wieder (und dies wunderbarerweise) zur Gegenwart bringt, indem die klimatischen Umstände sich unverhofft wandelten; hier: vom Unaussprechlichen zum Geschriebenen.
Die neuen Verse Sonja vom Brockes, versammelt in ihrem Band "Blauer Ton", verhandeln mit der gebotenen Kühle Äußerstes. Dabei scheinen sie sich stets wie an Taupunkten, in eisiger Luft verharrend, zu verhalten - in einem ihrer Gedichte entdeckt Sonja vom Brocke das Wort "hovern", das sie ins Deutsche einführt -, dort "hovernd" zwischen Verschwiegenem und Auserzähltem, dem allzu Schmerzvollen, das vielen Gedichten der Sammlung als Erfahrungswissen zugrunde zu liegen scheint, und dem Ausdrücklichen, zwischen Diskretion und Wortwut - Schwellen, für die diese Dichterin Zeilen findet, die sich einprägen, wie schon in ihrem 2015 erschienenen Band "Venice singt", dessen Schlange mich seither nie mehr losließ ("beschützt dich die Schlange oder greift sie dich an").
In "Blauer Ton" werden allerdings ganz andere Saiten angeschlagen. Genau genommen eine einzige, die fortlaufend wiederkehrt oder vielmehr wie ein Basso continuo gehalten wird. Denn wenn es einen Soundtrack zum Buch geben würde, müsste dieser wahrscheinlich von Yves Klein stammen und ein über zwanzig Minuten gehaltenes, yveskleinblaues D sein, auf das weitere zwanzig Minuten auszuhaltender und zu erhorchender Stille folgen. Musikalisch sind diese Verse und abgrundtief.
Alle Gedichte aus "Blauer Ton" sprechen vom Rand her von Rändern: der Zeit, der Erfahrung, des Daseins. So entspringt die Rede in "6:59" dem Rand der Zeit, welche mit der herkömmlichen Erfahrung einer solchen und deren Vergehen gleichwohl nichts gemein hat. Denn es reiht sich ein Morgendes ans andere; Morgendes "stelzt" (noch vor 6:59) als isolierter Tagesbeginn zum nächsten, steif und langbeinig, ja hühnerhaft steif, wie das nachgestellte, als Motto zu deutende Zitat aus Christine Lavants Werk suggeriert.
Morgen für Morgen werden mithin in dieser fein instrumentierten Uchronie (- mit derjenigen des Philosophen Charles Renouviers nicht zu vergleichen -) Tag und Nacht auf nahezu magische Art synkopiert. Dass es im gesamten Band um Zeit geht, und zwar um eine als stehende, in sich ruhend erfahrene, doch zeitgleich unumkehrbar fortrasende Zeit, liegt auf der Hand. Mystisches "nunc stans", zeitlose Zeit, oder schlichtes "Sans" tout court: Zeit ist nicht. Zumindest nicht (mehr); nicht, was sie war. Aber was sie aus den Fugen sprengte, das von dem Gedichtband als klaffende Wunde, zentrales Ereignis oder Geheimnis umkreist wird, um sich die Zyklen hindurch als ein Heilloses schlechthin auszunehmen - wir ahnen es, wenn ein versehrter Körper sich einer Todeserfahrung entwindet, um anschließend mit lapidarem Realismus um den zu diesem Textzeitpunkt nicht mehr rätselhaften Verlust zu trauern: "Winziger Muskel, funktionslos. / Zu weichendes Material".
Abgeflammt sind sie: der Morgen (sein Gesicht), die Zeit, der Körper - tatsächlich zwei, wie aus der Lektüre des als Gesamtkomposition angelegten Bandes hervorgeht. Die sich vor 6:59 Uhr preisgebende Stirn jenes Ersteren, angesichts dessen Betrachtung das Gedicht entstanden zu sein vorgibt, ist explizit "gesengt" wie ein totes, gerupftes Tier, dessen im Gedicht latent vorhandene, aus dem Partizip abzuleitende Flügel zu nichts mehr taugen; er zeigt sich unverhohlen in seiner aggressiven Blöße. Von Licht (Sonne) noch keine Spur, nur Ruß; "[er]schnüffelt" von einem dubiosen, zurückgelassenen "Altwesen" wie von einem Hund, der sich, wesenhafter Unumgänglichkeit gemäß, ohnmächtig in sein Schicksal ergibt.
Es überrascht nicht, dass hier kein Ich spricht. Dass kein Du vorhanden ist und jede Lyrik-typische Apostrophe, die Jonathan Culler als Kerntrope aller Dichtung beschrieb, ausgelassen ist zugunsten eines unpersönlichen Stils. Die Abstraktheit des Gedichts, seine minimalistische Dichte und teilweise überweltliche Situiertheit erinnern an die frühe Alejandra Pizarnik. Beide Dichterinnen verlegen das Geschehen ihrer Verse in interstellare Dimensionen, mit deren Hilfe sie körperliche Verlusterfahrungen anzeigen.
Einen solch dunklen, zugleich so sprachgewaltigen Gedichtband hat es, meine ich, schon lange nicht mehr gegeben. Sein "Blauer Ton" ist womöglich ein tiefblauer und hat vielleicht, gleich allen Wassern, um es mit Cioran zu sagen, die "Farbe des Ertrinkens". Dennoch lockt da unausweichlich ein Farbglanz als majestätischer, sublunarer Glast wie von gebranntem blauen Ton. Und nichts "behütet" uns davor, nichts schützte vor dessen anziehender Leuchtkraft, die die Kunst zu symbolisieren scheint. Darum möchte man mit dem so herrlichen wie hochpathetischen Vers des Dichters Ilarie Voronca schließen: "Rien n'obscurcira la beauté de ce monde." Oder besser mit Sonja vom Brocke selbst, die trotz der grundstürzenden Düsternis dieser Verse noch verschmitzt Augenzwinkerisches hervorzaubert, das zeigt, mit welcher Art von oszillierendem Sprachkunstwerk wir es zu tun haben: "Und Engel sägten hinten, über dem Kohl, Lichtlöcher in den Verhau".
Sonja vom Brocke: "Blauer Ton". Gedichte. kookbooks, Berlin 2025. 96 S., geb., 24,- Euro.
Von Dagmara Kraus ist zuletzt erschienen: "wille zur mache". Gedichte. Verlag Urs Engeler, Schupfart 2026. 64 S., br.
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