
Besprechung vom 15.04.2025
Maschinen werden kreativ, wenn viele Menschen wie Roboter arbeiten
Logik der Extraktion: Drei Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler bieten einen exzellenten Überblick zur verteilten Internetarbeit hinter dem KI-Boom
Oft ist es mit der Arbeit so: Je müheloser eine Aufgabe bewältigt wird, desto größer der versteckte Aufwand. Generative KI hinterlässt den Eindruck ganz besonderer Mühelosigkeit, auch komplexe Bilder und Texte strömen auf kurze Befehle hin auf den Bildschirm, gewissermaßen aus dem Nichts. Dieses vermeintliche Nichts haben sich die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler James Muldoon, Mark Graham und Callum Cant im Rahmen ihrer Arbeit für das Fairwork Project am Internet Institute der Universität Oxford näher angesehen. In ihrem Buch bieten sie einen Überblick über ihre Forschungen zu verteilter Internetarbeit, die bis in das Jahr 2009 zurückreichen. Das vorliegende Buch ist im Sommer 2024 in englischer Sprache erschienen, weswegen in ihm auf neueste Entwicklungen in der doch sehr dynamischen KI-Branche und deren politischem Umfeld nicht eingegangen wird.
"Dieses Buch erzählt die Geschichte der Menschen, deren Arbeit KI erst möglich macht", so die Autoren in ihrer Einleitung, "es beschreibt die Machtsysteme, die einen global ungleich verteilten Zugang zu Kapital, Netzwerken und Arbeitsmöglichkeiten aufrechterhalten. Es beleuchtet die verborgene menschliche Arbeit, die zur KI beiträgt, und legt offen, wie diese zentralen Arbeitsschritte oft bewusst verschwiegen werden." Ihre Recherchen haben die Autoren in den einzelnen Kapiteln jeweils zu einer Art Idealtyp kondensiert. Sie präsentieren etwa die Arbeit einer Annotatorin in Uganda, eines Systemadministrators auf Island oder eines Analysten für einen Risikokapitalfonds in Kalifornien. Alle sind nicht nur über das Internet miteinander verbunden, sondern auch über eine Extraktionslogik, die ideologisch und auch geographisch dem klassischen Kolonialismus folgt.
So bringen Annotatoren in Ländern wie Kenia, Uganda oder Indien den KI-Modellen alles über die Welt bei, in der ihre menschlichen Kunden sich bewegen. Sie müssen stundenlang im Akkord die Inhalte von Videos und Bildern beschreiben, damit die Prompts später auch die richtigen Inhalte ausspucken. Die billige Arbeit in den Schwellenländern wird dann, so der Plan der KI-Konzerne, dazu verwendet, die teure Wissensarbeit in den postindustriellen Gesellschaften zu automatisieren. Das Traumziel des Risikokapitalgebers: Texte und Bilder ohne lästige Urheber zu generieren, Software ohne teure Programmierer, wissenschaftliche Ergebnisse ohne Wissenschaftler.
Der Administrator auf Island kann seine Rechenkapazitäten gerade noch rechtzeitig vom gescheiterten Krypto-Boom auf die Erfordernisse von KI-Unternehmen umstellen. Dank Geothermie und Wasserkraft ist die Elektrizität auf der Insel im Atlantik billig, und dank nördlicher Lage spart man sich teure Klimaanlagen - vielleicht auch einer jener Gründe, weswegen die Trump-Regierung und ihre Tech-Finanziers sich gerne nach Kanada und Grönland ausbreiten würden; der neue Kolonialismus zielt nicht mehr auf den klimakatastrophenversehrten Süden, sondern nach Norden.
Die Fäden laufen schließlich bei einem Risikokapitalmanager im Silicon Valley zusammen. Die Autoren zeichnen ihn nicht als üblen Typen, sondern als einen Mann, der gerne die Verhältnisse verbessern würde, nicht nur für sich selbst. Am Ende steht er vor der Entscheidung, ob er dem von ihm betreuten KI-Start-up empfehlen soll, weiterhin teure Annotatoren in den USA zu beschäftigen oder doch lieber eine billige Firma in Uganda. Wie die Entscheidung ausfällt, ja ausfallen muss, dürfte klar sein. Was mit einer weiteren Figur, der Sprecherin Laura, passiert, nachdem sich ein KI-Konzern ihre Stimme auf Grundlage eines alten Vertrags angeeignet hat, ebenfalls.
Die Umstände wirken auf ihre Macher zurück. Schon Norbert Wiener, Erfinder des Begriffs "Kybernetik", schrieb in seinem 1950 erschienenen populärwissenschaftlichen Werk "The Human Use Of Human Beings": "Erinnern wir uns daran, dass die automatische Maschine, welche Gefühle wir ihr auch immer zuschreiben mögen, das exakte wirtschaftliche Äquivalent zur Sklavenarbeit darstellt. Jede Arbeit, die mit Sklavenarbeit konkurriert, akzeptiert die wirtschaftlichen Bedingungen der Sklaverei." Wiener warnte auch vor einem Crash speziell jener Wirtschaftszweige, die sich auf diese Maschinensklaven einlassen - und davor, dass schlaue Profiteure es schaffen könnten, damit einen schnellen Dollar zu machen und rechtzeitig abzuspringen.
Fünfundsiebzig Jahre nach Wieners Warnung stehen wir mitten in seinem Szenario. "Wenn man KI als Extraktionsmaschine auffasst, dann sind wir das Rohmaterial", schreiben die Autoren, "Maschinen schaffen Kunst, komponieren Musikstücke und schreiben Gedichte, während unzählige Menschen sich gezwungen sehen, wie Roboter zu arbeiten." Als Gegenmaßnahme empfehlen die Autoren die transnationale Selbstorganisation von unten, neue gewerkschaftliche Netzwerke, die auch in den USA durchaus Erfolge in der Tech-Branche und in der Amazon-Logistik erzielen konnten. Diese Ansätze werden von den Tech-Konzernen unterbunden, wo es geht, ihre zunehmende politische Radikalität und die Unterstützung Donald Trumps mögen auch als Reaktion auf diese neuen sozialen Bewegungen verstanden werden.
Über moralische Aspekte und wirtschaftliche Ungerechtigkeiten in den internationalen Lieferketten haben die Wissensarbeiter in Europa und den USA gerne hinweggesehen. "Feeding the Machine" ist deshalb so ein provokantes Buch, weil es nun nicht mehr um Handlangerjobs in der Industrieproduktion geht, sondern um die potentielle Zerstörung dessen, was man noch vor nicht allzu langer Zeit als "Wissensgesellschaft" bezeichnet und als Ausweg aus der Krise des produzierenden Gewerbes in vielen westlichen Ländern betrachtet hat. Muldoon, Graham und Cant haben mit dem vorliegenden Buch eine deutliche Warnung formuliert, die ohne Jargon auskommt und durch ihre Sachlichkeit besticht. GÜNTER HACK
James Muldoon / Mark Graham / Callum Cant: "Feeding the Machine". Hinter den Kulissen der KI-Imperien.
A. d. Englischen v. Stephan Pauli. HarperCollins Verlag, Hamburg 2025. 320 S., geb.
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