Äußerst unterhaltsam, aber mit viel Tiefgang!
Armer Percey (Sir Percy Rodines)! Er genießt ¿ wie die letzten 50 Jahre auch - die inspirierende Gesellschaft der von ihm angebeteten Lady Diana L, diesmal an ihrem 80. Geburtstag. Nichtsahnend, welche schockierenden Überraschungen dieser Tag noch für ihn birgt!Weitere Gäste sind ihr einziger Sohn, der gegenwärtige Duke of Glandale und dessen vier Söhne - alle wohlgeraten und mit wichtigen Posten in der Upper Class in England betraut. Insgesamt 20 Gäste stammen von ihr ab, ohne sie wären sie niemals geboren worden. ¿Sie hatte selten eine Versammlung von seriöseren und bedeutenderen Leuten gesehen`, erkennt sie leise für sich.Voller Schabernack stellt sie sich dann vor, wenn sie ihnen einiges erzählen würde, was das für einen Spaß gäbe. ¿Ein köstlicher Anblick, die verdutzten Gesichter zu sehen, wenn über diesen Köpfen eine wohlgeordnete Welt zusammenbricht.¿Mit Familienfeiern kann Lady L. nicht viel anfangen, auch mit den Enkel- und Urenkelkindern nicht, mit einer Ausnahme: ¿den jüngsten, den kleinen niedlichen Kerl. Er hatte große schwarze Augen und ein so feines Gesichtchen. Sie hatte ihn richtig lieb.¿ (Und ich fragte mich, warum? Das hat doch eine Bedeutung!)Lady L. bittet im Laufe der Feier Percey um Hilfe, ob er nicht mit ihr einen kleinen Spaziergang zu ihrem Pavillon machen könne. Dieser müsse abgerissen werden, weil eine neue Straße dort gebaut werden solle. Und ¿gewisse Objekte`, an denen sie stark hinge, müssten daraus gerettet werden.Ohne den Pavillon wolle sie unter keinen Umständen leben. Er war im imitiert orientalischen Stil gebaut und erinnerte sie an den Bosporus und an das Goldene Horn, das sie so sehr liebte. Percy folgt ihr, denn er war ihr ja schon bereits seit 50 Jahren zugetan. Und Lady L erzählt ihm auch deshalb, auch wenn sie Sorge hat, ob sein Herz, seine Arterien und sein Blutdruck den Schock aushalten würden, ihre ganze Geschichte.Und die ist wirklich heftig! Nicht nur, dass sie als Französin in Paris 1870 als Annette Boudin als Tochter einer Waschfrau und eines Buchdruckers (arbeitsscheu, dem Alkohol sehr zugetan und als Mitglied einer anarchistischen Clique große Reden schwingend) aufwuchs - was Percy allein schon nach Luft schnappen lässt - sondern auch ihr weiterer Werdegang. Ihre stürmische Liebe zum fanatischen Anarchisten Armand (mit einem Gesicht, das mehr war als männliche Schönheit) nimmt sehr viel Raum ein und ihr Aufstieg in der englischen Gesellschaft überraschte nicht bei ihrer faszinierenden Persönlichkeit. Das Ende hat mich dann doch sehr, sehr überrumpelt!Begeistert hat mich neben der Geschichte, die mich von Anfang an packte und mich bis zur letzten Seite nicht mehr losließ, auch die Sprache mit ihren sehr treffenden Erkenntnissen (z.B. ¿nichts macht einem Genussmenschen mehr Vergnügen, als zu sehen, wie andere ihr Leben genießen` oder ¿¿..und sie begriff nicht, wie ihr so etwas wie Altwerden überhaupt hatte passieren können¿, mit herrlichen Spitzen gegen die Klischees dieser engl. Gesellschaftsschicht. Die pointiert beschriebenen Charaktere (Lady L., Percey und Armand an oberster Stelle), ließen sie sofort vor meinem inneren Auge bildhaft erstehen.Der Schriftsteller Romain Gary (1914 ¿ 1980), sogar zweimalig durch einen Trick mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, schrieb dieses Buch auf Englisch, 1958 ist es erschienen und wurde 1965 mit einer Starbesetzung (Sophia Loren, Paul Newman, David Niven) verfilmt. Gert Woerner hat diesen gelungenen Schelmenroman, der im Febr. 2026 neu herausgebracht wurde, ins Deutsche verfasst.Ich fühlte mich bestens unterhalten: leicht, aber mit Tiefgang, es sprüht richtig voller witziger Einfälle, überrascht immer wieder. Deshalb gebe voller Begeisterung 5 Ste