Rachel Louise Carson (1907- 1964), Meeresbiologin und Wissenschaftsjournalistin, gilt als die Pionierin des Umweltschutzes und des Gedankens der Nachhaltigkeit. Ihr Buch Der stumme Frühling beschwor schon 1962 eindringlich die Gefahren eines Umgangs mit der Natur, der auf Profitmaximierung abzielte. Konkret war es der hemmungslose und unkontrollierte Einsatz des Insektenvertilgungsmittel DDT, den Carson in ihrem Buch ins Visier nahm.
Graw schildert sehr anschaulich, wie Rachel Carson aus einer Fülle von eher zufälligen Einzelbeobachtungen das Sterben von Schmetterlingen, der Schwund von Singvögeln an ihrem Futterhäuschen, ein toter Spatz am Wegesrand dazu kommt, das neue chemische Insektenbekämpfungsmittel DDT zu verdächtigen. In jahrelangen Forschungen kann sie beweisen, dass DDT, ein gefeiertes Wundermittel, durch seinen übermäßigen Einsatz katastrophale Folgen zeigt. Damit legt sie sich mit der mächtigen chemischen Industrie und auch den staatlichen Behörden an, ein Kampf, dem sie sich nach anfänglichem Zaudern bewusst und mit einem bewundernswerten Maß an Zivilcourage stellt. Und sie legt sich zugleich mit einem wissenschaftlichen Betrieb an, der sich als Männerdomäne versteht und Frauen ausgrenzt. Rachel Carsons Mut wird belohnt. Ihr Buch wird ein weltweiter Bestseller, die Öffentlichkeit wird aufgerüttelt, und die Regierung muss reagieren.
Theresia Graw hat gründlich recherchiert und, wie sie im Nachwort erzählt, und sich aber nicht für eine Biografie, sondern für eine Romanbiografie entschieden. Daher hat sie die Fakten angereichert mit einigen fiktiven Elementen, u. a. um den feministischen Appellcharakter des Buchs zu verstärken. So führt sie die Figur des Dan ein, Rachel Carsons Freund. Dan betrachtet die Forschungstätigkeit seiner Verlobten als rufschädigend und stellt diesen vermeintlichen guten Ruf über seinen Heiratswunsch. Passt das zu dieser liebenswerten und unkonventionellen Figur? Und ist das realistisch? Ich habe einige Gegenbeispiele aus meiner Familie parat, im rückständigen (?) Europa dieser Zeit. Dennoch: die Schwierigkeiten einer Frau in einer männlich dominierten Naturwissenschaft sind unbestritten. Dennoch wird das Thema mit wiederholten feministisch klingenden Dialogen recht strapaziert.
Rachel Carsons Liebe zur Natur, vor allem zum Meer, und ihr ehrfürchtiges Staunen vor der Schöpfung spricht aus jedem Kapitel. Der Autorin gelingt es wie Carson auch, einen leichten und eingänglichen Ton zu treffen, ohne ins Banale abzusinken, und die Sprecherin unterstützt diesen Erzählton sehr schön. Privates und Wissenschaftliches werden eng miteinander verzahnt, wobei das private Leben und die Gefühle der Protagonistin ein Schwergewicht der Erzählung bilden. Geschmackssache.
Unbestritten aber ist die Tatsache, dass Carsons Botschaft nach wie vor gilt: Alles Leben der Erde ist miteinander verbunden, im Kleinen wie im Großen, und: RESPICE FINEM. Bedenke die Folgen! In diesem Sinne: ein lesenswertes Buch.