Ferdinand von Schirach gehört zu jenen Autoren, die mit einem Minimum an sprachlichen Mitteln ein Maximum an Wirkung erzielen. Auch in Der stille Freund bleibt er seiner Methode treu: kurze Sätze, kühle Lakonie, eine Prosa, die niemals vorgibt, Gefühle erzeugen zu wollen, und gerade deshalb so eindringlich wirkt. Doch die vierzehn Geschichten dieses Bandes zeigen, dass Reduktion nicht gleichbedeutend mit Stringenz ist. Vieles leuchtet auf, manches verpufft.Da sind Texte, die den Leser mit voller Wucht treffen. In der Betrachtung Adolf Loos' stellt sich die Frage, ob wir das Werk eines Künstlers noch bewundern dürfen, wenn seine Biographie moralisch oder gar kriminell befleckt ist. In der Erzählung "Wirklichkeit und Wahrheit" entfaltet sich ein verstörendes Panorama der Gegenwart, in dem Terror und digitale Medien Wahrheit in Meinungen auflösen und Täter wie Opfer austauschbar erscheinen. Die titelgebende Geschichte konfrontiert uns mit der Fragilität des Lebens selbst, mit dem Augenblick, in dem die Selbstverständlichkeit unserer Existenz bricht.Andere Erzählungen hingegen wirken beiläufig. Schirach reiht Anekdoten aneinander, erzählt von Reisen, Begegnungen, Gesprächen mit Freunden, die stets aus einer privilegierten Gesellschaftsschicht stammen. Der Autor scheint hier zu sehr der Gentleman-Flaneur, der die Welt als Kulisse für seine Reflexionen nutzt. Frauenfiguren bleiben dabei meist schmückendes Beiwerk, ein Umstand, der der Modernität des Bandes schadet.Und doch: selbst dort, wo die Erzählungen im Anekdotischen verharren, bleibt der Ton unverwechselbar. Schirach schreibt nicht, um zu gefallen. Er schreibt, um Unruhe zu stiften, um den Leser auf die unbequemen Fragen des Lebens zurückzuwerfen. Immer wieder geht es um Schuld und Verantwortung, um die Unausweichlichkeit des Todes, um die Zumutungen der Geschichte. Figuren wie der Tennisspieler Gottfried von Cramm oder der Kabarettist Egon Friedell treten aus dem Schatten der Vergangenheit hervor, nicht als biographische Porträts, sondern als Mahnungen, die auch in der Gegenwart gültig sind.So ist Der stille Freund kein vollkommenes Buch. Manche Texte hallen lange nach, andere verlieren sich im Belanglosen. Wer bei Schirach Trost oder gar Erklärungen sucht, wird enttäuscht. Wer sich jedoch einlässt auf das Unfertige, das Offene, wird reich belohnt. Es ist ein Werk, das nicht abschließt, sondern aufstößt, das Fragen stellt, die jeder Leser selbst beantworten muss. Und genau darin liegt seine literarische Bedeutung.