"Ich hatte gedacht, ich würde glauben, die Welt gesehen zu haben, aber es gibt zu viel Welt und zu wenig Leben. Ich hatte gedacht, ich würde glauben, etwas vollendet zu haben, doch nun bezweifle ich, dass irgendetwas vollendet werden kann." - Maggie Shipstead, "Kreiseziehen"Rezensionen zu solch dicken Büchern wie "Kreiseziehen" von Maggie Shipstead (864 Seiten!) fallen mir immer besonders schwer - wie soll man innerhalb eines kurzen Leseeindrucks vermitteln, was ein Roman von solch einem Umfang alles mit sich bringt, zu sagen hat, an Emotionen auslöst? Ich will es trotzdem versuchen, denn es lohnt sich, diesen Schmöker zur Hand zu nehmen!Maggie Shipstead erzählt ihren Roman, aus dem Englischen übersetzt von Harriet Fricke, Susanne Goga-Klinkenberg und Sylvia Spatz, aus zwei Perspektiven: Einmal aus der Sicht von Marian Graves, von ihrer Kindheit bis zu ihrem Verschwinden in der Arktis, und einmal aus der Perspektive von Hadley, die 2014 als Schauspielerin für die Rolle der Marian Graves in einem Spielfilm über ihr Leben gecastet wird. Marian ist ein Wildfang von Beginn ihres Lebens an, sie hat ihren eigenen Kopf und möchte ihren Traum, Pilotin zu werden, erreichen - und das um jeden Preis. Sie muss für das Fliegen und ein selbstbestimmtes Leben viele Opfer bringen, doch für ihre Freiheit würde Marian alles tun. Sie wird zur Legende, ihr Leben ist turbulent wie ein Hollywood-Film, was letztlich Jahre nachdem sie ihren letzten Logbucheintrag an der Arktis fertigt und kurz darauf bei dem Versuch, als erste Person die Erde in der Längsachse mit dem Flugzeug zu umrunden, verschwindet, Hadley Baxter auf den Plan ruft. Sie ist eine skandalumwitterte Persönlichkeit, wurde schon früh in verschiedene Rollen gedrängt und beginnt nun, sich auf die wichtigste Figur in ihrem Leben zu konzentrieren: Sich selbst.Ich mochte an "Kreiseziehen" vor allem, wie die Autorin einen Bogen zwischen Marians Leben und dem Zeitgeschehen des 20. Jahrhunderts schlägt. Gerade die Kapitel aus Marians Sicht waren unglaublich fesselnd und warten mit vielen sehr spannenden Nebencharakteren und Hintergründen zum Fliegen und den Pilot*innen dieser Zeit auf. Nicht so eingenommen war ich von Hadleys Erzählstrang - in meinen Augen hätte man sogar ganz auf diese Filmeinlage verzichten können und "Kreiseziehen" allein als historischen Roman über ein Flieger-Ass, das ihrer Zeit voraus war, aufziehen können. Da Hadleys Anteil am Buch aber vergleichsweise gering ist, schmälert das meine Begeisterung für Maggie Shipsteads Roman kaum. Genau so müssen dicke Bücher für mich sein - mitreißend, spannend und zum tief-drin-versinken!