Sagt uns auch heute noch etwas
Mit heutigen Augen darf dieser Roman nicht gelesen werden. Dann würde es bloß heißen: Alter Mann (Fontane war, als er "Effi Briest" schrieb, über 70) lässt eine junge Frau an den antiquierten Moralvorstellungen ihrer Zeit zugrunde gehen. Doch so einfach dürfen wir es uns nicht machen, hält hier der von Selbstzweifeln geplagte Fontane doch der damaligen Gesellschaft einen Spiegel vor. Und um so viel besser sind wir auch nicht. Eifersucht und gekränkte Eitelkeit werden in anderer Form ausgelebt, die jedoch nicht minder tödlich enden kann.Der Ursprung von Effi findet sich in einer Zeitungsnotiz über einen "Skandal" in der besseren Gesellschaft, nur mit dem Unterschied, dass die verstoßene und ihrer Kinder beraubte Frau daran nicht zugrunde geht, sondern vielmehr ein eigenständiges Leben beginnt. Dieses befreiende Schicksal gönnt Fontane seiner Titelheldin nicht, bloß einige Charaktere (zuletzt doch auch Effis Eltern) zeigen Mitleid, ja vielleicht sogar Verständnis.Was hatten sie denn erwartet, die Briests, die ihre 17jährige Tochter an den mehr als doppelt so alten vormaligen Galan der Mutter verheirateten? Oder der Ehemann, Baron Innstetten, der bloß das Gefühl hatte, Effi zu lieben? ".. und das gute Gewissen, daß es so sei, ließ ihn von besonderen Anstrengungen absehen." Effi langweilt sich in der Kleinstadt Kessin, wo ihr Mann als Landrat oft außer Haus ist und sie nur wenig Anschluss findet. Da bringt die Aufmerksamkeit eines Majors Abwechslung in ihren Alltag. Niemand bemerkt etwas von der Affäre, und Effi beendet sie auch, als ihr Mann nach Berlin versetzt wird.Umso befremdlicher wirkt die Reaktion des Barons, als er über sechs Jahre nach dem Wegzug aus Kessin durch Zufall die alten Liebesbriefe des Majors findet. Er ist außerstande, Effi zu verzeihen, folgt vielmehr einem Ehrenkodex, der schon damals überholt scheint. Er fordert den längst ad acta gelegten Liebhaber zum Duell, tötet ihn und verbietet Effi, die gerade auf Kur ist, nach Hause zurückzukehren und Kontakt mit der gemeinsamen Tochter zu haben, was einer gesellschaftlichen Ächtung gleichkommt.Am Schicksal dieser Effi behandelt Fontane das bornierte Verhalten der besseren Gesellschaft und die rigide Prinzipienreiterei eines gekränkten Mannes. Insbesondere in den Gesprächen, die Fontanes Figuren führen, entlarvt er die Standesdünkel, die politischen wie religiösen Vorurteile und gönnt ausgerechnet den einfachen Menschen (Roswitha) und einem Tier (dem Hund Rollo) die zugewandte Reaktion auf vergangenes Fehlverhalten.Fontanes Gesellschaftsroman, und ein solcher ist es, besticht durch elegante Formulierungen, die heute vielleicht etwas zu weitschweifig wirken und trotzdem unsere Aufmerksamkeit verdienen. Diese Aufmerksamkeit wird durch die Begegnung mit verschwundenen Wörtern wie zierig, Fährlichkeit, unterhaltlich, Ehrenkultus etc. belohnt. Kurz gesagt, ein Roman, den wir erneut oder erstmals lesen sollten.