Die Wand von Marlen Haushofer ist mir in einer Phase begegnet, in der ich für genau dieses Buch besonders empfänglich war. Ich war einige Tage mit einer schweren Grippe ans Bett gebunden, körperlich erschöpft, aus dem gewohnten Leben herausgenommen und auf einen sehr kleinen Radius zurückgeworfen. In einem Gespräch bei Sternstunde Philosophie hatte Elke Heidenreich den Roman empfohlen, und so habe ich mich für das Hörbuch entschieden. Gelesen wird es von Elisabeth Schwarz, deren Stimme mich mit einer großen Ruhe und Genauigkeit durch diesen Text getragen hat. Gerade in meinem Zustand hatte diese Art des Vorlesens etwas außerordentlich Wohltuendes. Zunächst gab es für mich allerdings eine gewisse Reibung. Ich hatte am Anfang durchaus Mühe, mich ganz in das Buch fallen zu lassen, weil die Ausgangslage in mir sofort einen anderen Impuls ausgelöst hat. Wäre ich plötzlich von einer unsichtbaren Wand eingeschlossen gewesen, hätte ich wohl zuerst alle denkbaren Versuche unternommen, sie zu zerstören, sie zu überwinden, über sie zu klettern, ihre Grenzen auszuloten und ihr mit Widerstand zu begegnen. Die Protagonistin verhält sich anders. Sie akzeptiert ihre Lage erstaunlich früh und richtet ihre Energie bald auf das Leben innerhalb dieser Gegebenheit. Gerade das hat mich zunächst irritiert.Mit der Zeit wurde mir jedoch klar, dass dieser Punkt für mich zwar ein logischer Fallstrick war, für das eigentliche Wesen des Buches jedoch weit weniger entscheidend ist. Die Wand entfaltet seine Kraft nicht aus einer minutiösen Plausibilisierung der Ausnahmesituation, sondern aus der inneren Bewegung, die aus ihr hervorgeht. Es geht um die langsame Einrichtung in eine radikal veränderte Wirklichkeit, um Fürsorge, Arbeit, Rhythmus, Wahrnehmung und um die Frage, wie ein Mensch unter entleerten Bedingungen dennoch eine Form von Beziehung zur Welt aufrechterhält. In dem Moment, in dem ich das zugelassen habe, konnte ich mich auch in diese neue Lage hineinbegeben und dem Buch auf eine sehr viel tiefere Weise folgen.Was mich dann besonders berührt hat, war das Lebensgefühl, das Haushofer aus einer objektiv trostlosen und fast aussichtslosen Situation gewinnt. Die Erzählerin erlebt Verlust, Einsamkeit, Frust und ein hohes Maß an Entbehrung, und doch entsteht aus ihrem Umgang damit etwas überraschend Klares und fast Tröstliches. Sie gibt ihrem Alltag Struktur, übernimmt Verantwortung, widmet sich den Tieren, der Nahrung, den Jahreszeiten, den kleinen Notwendigkeiten des Überlebens. Darin liegt eine stille konstruktive Kraft, die mich gerade während meiner Krankheit sehr erreicht hat. Ich habe dieses Buch nicht als düster empfunden, sondern in einer eigentümlichen Weise als hoffnungsvoll.Vielleicht lag genau darin auch die eigentliche Synchronizität dieser Lektüre mit mir selbst. Während ich selbst ans Bett gebunden war und mein Körper mir enge Grenzen setzte, hat mich dieses Buch in eine Existenzform mitgenommen, die aus Begrenzung keine bloße Verarmung macht. Es zeigt, wie im Kleinen dennoch Welt entstehen kann. Diese Haltung, dieser nüchterne und zugleich zähe Umgang mit Frustration, Müdigkeit und Realität, war für mich in diesen Tagen ungemein bereichernd.Der Roman entwickelt seinen Sog weniger aus dramatischen Ereignissen als aus Beobachtung, innerer Verdichtung und einer fast unspektakulären Konsequenz im Erzählen. Zusammen mit der sehr stimmigen Stimme von Elisabeth Schwarz ergibt sich daraus eine dichte und nachwirkende Hörerfahrung. Für mich war Die Wand in dieser Situation weit mehr als nur Literatur. Es war eine Begleitung durch einen Zustand der Einschränkung, und vielleicht gerade deshalb ein Buch, das mir auf sehr eindrucksvollen und nachhallende Weise Kraft gegeben hat.