Der neue Roman von Trent Dalton ist ebenso lesenswert wie Daltons Debüt und erzählt die dramatische Geschichte eines künstlerisch begabten Mädchens auf der Flucht. Die junge Künstlerin kennt ihren Namen nicht, ein fortwährendes Rätsel, mit dem man sich beim Lesen konfrontiert sieht. Die Mutter verschweigt den wahren Namen und die Herkunft, damit beide nicht gefunden werden können von dem gewalttätigen männlichen Monster oder der Polizei. Doch Monster gibt es viele und in unterschiedlicher Gestalt auf den Straßen von Brisbane, wo Wohnungslose ein hartes Leben führen. Die kleine Gemeinschaft auf dem Schrottplatz hält zwar zusammen, um den Alltag zu meistern, aber für die sogenannten Treibenden hat das Leben hauptsächlich Schattenseiten, nicht nur, wenn der Fluss Hochwasser führt
Der Autor zeichnet den Überlebenskampf zwischen Kriminalität, Drogen und mangelnden Perspektiven in allen Facetten akribisch nach. Die Figuren wirken dabei stets authentisch und viele Szenen, gerade auch die liebevollen Nahbeziehungen des Mädchens betreffend, sind eindringlich geschildert. Ich mochte Ester Inthehole, Roslyn, Evelyn Bragg oder Charlie, zu dem das Mädchen seine innige Zuneigung mit Libellenstich auf unvergessliche Weise ausdrückt. Auch die nächtliche Begegnung mit Danny Collins auf der Flussbrücke ist eine wunderbare Szene, die sich mir beim Lesen fest eingeprägt hat. Schön, dass es Menschen wie ihn und seine Familie gibt!
Großartig fand ich die Zeichnungen und die Zukunftsgespräche, wenn das Mädchen sich in Gedanken vorstellt, was später bei einer Ausstellung in New York über seine Werke gesagt werden soll. Auch die Funktion des Spiegels gefiel mir gut, die Bilder der fiktiven Lola darin sind eine fantasievolle Verankerung von Träumen und Hoffnungen in der Romanhandlung. Die ganze Geschichte schließt zudem mit einem gelungenen Ende ab.
Mein einziger Kritikpunkt ist, dass ich persönlich manches allzu ausführlich dargestellt fand, einige Geschehnisse zogen sich so in die Länge. Auch die zahlreichen konkreten Orts- und Straßenangaben hätte es meines Erachtens nicht alle gebraucht (einheimische LeserInnen mögen das vielleicht anders sehen, wenn sie die Orte selbst kennen). Insgesamt jedoch von mir eine klare Leseempfehlung für Daltons neuen, besonderen Roman!