Mit sorgfältiger Recherche rückt die Autorin das verbreitete Bild der Opfer von Jack the Ripper zurecht.
Den wenigsten dürften die Namen Polly, Annie, Elizabeth, Catherine und Mary-Jane etwas sagen. An ihren mutmaßlichen Mörder, von der Presse "Jack the Ripper" genannt, wird hingegen mit unzähligen Büchern, Zeitungsartikeln, Filmen, Stadtführungen und Souvenirs erinnert.In diesem Buch beschäftigt sich Hallie Rubenhold mit den fünf Frauen und stellt die allgemeine Auffassung infrage, dass es sich bei ihnen "nur um Prostituierte" gehandelt habe. Alle Frauen waren Alkoholikerinnen und außer Mary-Jane waren alle obdachlos. Oft schwingt die Wertung mit, dass diese gefallenen Frauen Abschaum der Gesellschaft waren, deren Leben nichts wert war.Hallie Rubenhold fragt sich, warum die Frauen überhaupt in Armut gerieten und keinen Schutz vor Gewalt erfuhren. Anhand der Geschichten der Frauen erhält man einen guten Einblick in das Leben der englischen Arbeiterklasse. Die Lebensverhältnisse sind beengt, die Arbeit ist schwer und Krankheiten sowie Unfälle sind an der Tagesordnung. Da den unteren Schichten Verhütungsmittel nicht bekannt oder nicht zugänglich sind, ist es für die Frauen nicht selten, 6-10 Kinder zu bekommen, und jedes weitere Kind verschlechtert die finanzielle Lage einer Familie. Die strengen Moralvorstellungen sanktionieren Frauen, die uneheliche Kinder bekommen, unabhängig davon, ob der Geschlechtsverkehr einvernehmlich war oder nicht. Der gesellschaftliche Abstieg erfolgt rasch. Beim Tod des Ehemannes ist es mit vielen jüngeren Kindern unmöglich, die Familie zu versorgen. Eine zweite Ehe ist nicht möglich.Hier erhält man ein Gegenbild zu den oft romantisiert dargestellten Geschichten über Menschen der höheren Schichten. Erschreckend ist der Gedanke daran, wie wenig lang her die dargestellte Zeit ist.Die Autorin lässt grausige Details über die Zustände der Leichen sowie viele Spekulationen über den Mörder unerwähnt. Das kann man problemlos in vielen anderen Quellen nachlesen. Trotz des Anspruchs einer sorgfältigen Recherche und des schweren Themas liest sich das Buch gut. Ab und an brauchte ich eine Pause von den düsteren Lebensumständen im 19. Jahrhundert, habe aber immer mit Interesse weitergelesen. Absolut empfehlenswert für geschichtlich interessierte.