Der Journalist Jens Brambusch ist 46 Jahre alt, als er im November 2017 auf dem Weg in die Redaktion der Wirtschaftszeitung Capital in Berlin an einer roten Ampel eine heftige Panikattacke erleidet. Seit zwei Jahren geht das schon so, aber so schlimm war es noch nie. Der Arzt, den er aufsucht, schreibt ihn krank und verordnet ihm Ruhe. Es geht ihm schlecht, er hat ein Burnout, Panikattacken und Angstzustände. Er erhofft sich Hilfe in einer Klinik, doch seine Krankenversicherung lehnt die Finanzierung einer stationären Behandlung ab. Als er den YouTube-Kanal von zwei Brüdern entdeckt, die seit neun Jahren um die Welt segeln, ist er fasziniert und träumt davon, sein stressiges Leben hinter sich zu lassen und auszusteigen. Das Segeln war immer Teil seines Lebens, bereits als Kind ist er mit den Eltern gesegelt, machte mit 16 Jahren den Segelschein. Er beschließt, seinen Traum vom Aussteigen zu verwirklichen, kündigt seinen Job, verkauft seine Wohnung und regelt seine Finanzen. Fortan wird er in der Türkei auf einem alten Segelboot leben.
Auf 228 Seiten erzählt der Autor die packende Geschichte seines Lebens. Schon als Jugendlicher war er im Rudersport aktiv und trainierte hart. Während seines Studiums feierte er, trank und rauchte, arbeitete nebenher als freier Journalist - und kippte irgendwann um. Panikattacken folgten, die erst aufhörten, als er mit einem Wohnmobil durch Palästina, die Türkei, Syrien und Jordanien fuhr. Im Herbst 2018 lässt er seinen stressigen Journalistenalltag hinter sich, um in Ka zu leben, dem für ihn seit Jahren schönsten Ort der Türkei.
Das kurzweilige Buch ist in schöner Sprache mit viel Humor erzählt und liest sich sehr flüssig. Der Autor erzählt vom Kauf des 30 Jahre alten Segelboots Dilly-Dally, das sein neues Zuhause wird, nachdem er die erforderlichen Formalitäten erledigt und bürokratische Hürden gemeistert hat. Er listet auch die Fixkosten für sein neues Leben auf. Die Lebenshaltungskosten in der Türkei sind niedrig, Krankenversicherung und Altersvorsorge belasten das Budget jedoch sehr, und auch die Kosten, die im direkten Zusammenhang mit dem Boot stehen, sind nicht unerheblich.
Jens Brambusch beschreibt nicht nur seinen Alltag an Bord, er erzählt auch von den Menschen in der Türkei, ihrer Gastfreundschaft und vom Zusammenhalt der Segler. Sein erstes Weihnachtsfest feiert er gemeinsam mit 15 Freunden in einer Bucht, ganz ohne Weihnachtsstress. Sehr interessant fand ich seinen Bericht über sein zweiwöchiges Praktikum in einer kleinen Werkstatt, die seine neuen Segel anfertigte. Er war dabei, als der Stoff zugeschnitten und die Nähte aufwendig mit einer eigens für diesen Zweck hergestellten Nähmaschine gefertigt wurden.
Es geht in dem Buch neben dem Segeln auch um Bootspflege und Instandhaltung, um Schiffskatzen und Bordhunde sowie um Mythen und Aberglaube. So erfahren wir z.B., weshalb bei vielen Seglern Bananen an Bord verpönt sind. Der Autor verschweigt auch nicht den hohen Arbeitsaufwand, der mit der Haltung eines Bootes verbunden ist. Die Pandemie bringt über einen langen Zeitraum viele Einschränkungen, eine geplante Segeltour mit Freunden kann nicht stattfinden.
Ich habe Jens Brambuschs fesselnde Geschichte sehr gern gelesen und mich bestens unterhalten gefühlt. Jedes der 23 Kapitel beginnt mit der Erklärung spezieller Begriffe aus der Welt des Segelns, in der Mitte des Buches befinden sich auf acht Seiten schöne Farbfotos. Im Epilog erfahren wir, wie es dem Autor heute geht, wie und wo er lebt und ob er sich seine Leidenschaft für das Segeln bewahren konnte.
Absolute Leseempfehlung - nicht nur für Segelfreunde!