Gut
Das Buch hat meiner Meinung nach zwar den typischen Andreas-Gruber-Charme, und für seinen Ideenreichtum vergebe ich gerne vier Sterne. Dennoch muss ich zugeben, dass der Aufbau seiner Geschichten häufig einer ähnlichen Struktur folgt - oder besser gesagt, zwei wiederkehrenden Mustern.Zum einen begegnen wir Tätern, die ihre Morde selbst begehen, deren Taten aber in einer persönlichen Vorgeschichte begründet sind. Sie sind nicht einfach nur Täter, sondern waren zuvor selbst Opfer ihrer späteren Opfer. Zum anderen gibt es die psychopathischen Gegenspieler, die so geschickt agieren, dass sie ihre Verbrechen nie selbst ausführen, sondern andere für sich handeln lassen.Im fünften Band der Reihe wird dieses Schema zumindest ein wenig aufgebrochen. Die Nonne, die ankündigt, innerhalb von sieben Tagen sieben Morde zu begehen, wirkt weder krankhaft psychopathisch noch skrupellos. Im Gegenteil: Die Morde führen die Ermittler zu noch größeren Verbrechen, und erneut zeigt sich, dass die Opfer der Taten selbst eine dunkle Vergangenheit haben. Die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen immer mehr. Als Leser stellt man sich zwangsläufig die Frage: Wer darf in solchen Fällen Richter spielen? Und ab wann ist es gerechtfertigt, Gesetze zu brechen, um womöglich noch größere Verbrechen zu verhindern oder aufzuklären?Das Buch ist spannend geschrieben. Besonders gefallen hat mir die Entwicklung von Sabine Nemez, die inzwischen selbst angehende Kriminalbeamte ausbildet und deutlich gereifter wirkt. Natürlich kehrt auch Maarten S. Sneijder zurück, wenn auch erst nach einigem Zureden und nachdem er selbst einige Zugeständnisse machen muss. Auch seine Persönlichkeit entwickelt sich weiter. Er wird zunehmend emotionaler und öffnet sich seinem Team gegenüber.Mir fehlen noch drei Bücher dieser Reihe, und ich muss leider zugeben, dass meine Erwartungshaltung inzwischen nicht mehr besonders hoch ist. Ich befürchte, dass die nächsten Bände einem ähnlichen Muster folgen werden, lasse mich aber gerne eines Besseren belehren.Ich möchte das Buch auf keinen Fall schlechtreden. Im Gegenteil: Die Geschichte ist originell konzipiert. Es handelt sich nicht um einen gewöhnlichen Thriller, in dem lediglich ein Täter gefasst werden muss. Andreas Gruber hat in allen bisherigen Bänden bewiesen, dass er tiefer in die Materie eintaucht und seine Leser zum Nachdenken anregt. Das empfinde ich als große Stärke seiner Romane.Trotzdem komme ich langsam an einen Punkt, an dem ich die Bücher eher aus Pflichtbewusstsein lese, um die Reihe angemessen zu Ende zu bringen. Gleichzeitig kann ich gut nachvollziehen, warum gerade Thrillerfans dieses Buch häufig mit fünf Sternen bewerten. Wer das Genre liebt und nicht genug von komplexen Kriminalfällen und moralischen Grauzonen bekommen kann, findet bei Andreas Gruber reichlich Lesestoff, der über weite Strecken bestens zu unterhalten weiß.Von mir gibt es daher gut gemeinte vier Sterne.