Beobachtungen voller Sprachwitz, durch die sich eine feine Melancholie zieht
Als Vielleserin und Literaturwissenschaftlerin habe ich, grob geschätzt, 988 Stunden in öffentlichen Bibliotheken verbracht. Das ist ein Witz im Vergleich zu Martha Baillie. Sie arbeitet seit über 30 Jahren in der Toronto Public Library. Ihre Erfahrungen inspirierten sie zu dem Roman "The Incident Report", der 2009 in Kanada erschien. Erst im August 2026 wurde das Werkt dank des Verlags Klaus Wagenbach ins Deutsche übersetzt: "Besondere Vorkommnisse".Der Roman beginnt mit einem abgedruckten Ankreuzformular für besondere Vorfälle in der Toronto Public Library. Es folgen 144 Berichte, protokolliert von der 35jährigen Miriam Gordon. Miriam arbeitet dort als Servicemitarbeiterin im Publikumsverkehr. Man hält Bibliotheken ja für stille und sichere Orte, aber weit gefehlt. Richtig seltsame Leute machen dort richtig seltsame Sachen. Braillie beschreibt die teils skurril-liebenswerten, teils bedrohlichen Charaktere mit viel Witz und Sprachgefühl ("Die Wut fuhr aus ihrer Stimme wie ein Fingernagel über eine Schultafel").Die Berichte sind nicht etwa zufällig aneinandergereiht, sondern kunstvoll miteinander verbunden. Einige Figuren begegnen uns wieder und wieder - und wir lernen Miriam besser kennen, die Bibliothekarin, die die Berichte verfasst. Miriam und ihre Ängste, ihre Schüchternheit, ihre Selbstzweifel. Wir erfahren die traurige Geschichte ihres Vaters und sind dabei, wie sie sich in Janko verliebt, den Mann mit dem ovalen Gesicht. Und dann sind da noch die verstörenden Briefe, die überall in der Bibliothek auftauchen, adressiert an Miriam und unterzeichnet von einem gewissen Rigoletto.Martha Baillie schenkt uns scharfe, witzige Beobachtungen, durch die sich eine feine Melancholie zieht. Ich konnte die teils kurzen, teils sehr kurzen Berichte leicht und flockig weglesen, hatte aber irgendwann das Gefühl, dass sich das Prinzip abnutzt. Bis das Buch mir auf den letzten Seiten ohne Vorwarnung das Herz gebrochen hat.Eine Empfehlung für alle, die in den Mikrokosmos Bibliothek eintauchen wollen und Freude an schrägen Gestalten haben.