Interessante, einseitige Analyse für "sowieso-schon-Kritiker" des Influencertums
Als Mutter mit dem Titelthema konfrontiert, war ich zufällig auf dieses Sachbuch gestoßen - in der Erwartung, meine kritischen Ansichten und Gedanken bestätigt und untermauert zu bekommen. Dies ist den Autoren auf jeden Fall gelungen. Für Gespräche und Diskussionen mit jungen Leuten ist man nach der Lektüre aufgrund vieler gelungener Sätze, die man sich angestrichen hat, gerüstet - sofern eben auf der anderen Seite die Aufnahmebereitschaft besteht. Vielleicht ist die Sache ja doch nicht so ohne Ausnahmen hoffnungslos wie die Autoren meinen und man findet zumindest eine Gesprächsgrundlage ... Wer mutig genug ist, Grundschüler zu überzeugen, sollte allerdings leicht verständliche Sätze aus dem Buch wählen. Wie zu erwarten, gehen die Autoren aus der festern Verankerung in der Kapitalismuskritik an das Thema heran (und am Ende auch hinaus). In der ersten Hälfte des Buches hatte ich beim Lesen noch Spaß, denn hier wird auf anspruchsvolle Weise seziert, mit Fachwörtern herumgeworfen und bekannte Phänomene unterhaltsam beschrieben. In der zweiten Hälfte wird es streckenweise etwas langatmig, da nichts Neues hinzukommt, die Inhalte um sich selbst kreisen und das Googeln der Fremdwörter, die man danach nie wieder benötigt, langsam anstrengt. Neben dem umfangreichen Literaturverzeichnis (10 Seiten, als "Anmerkungen" untertitelt) hätte ein Fremdwortverzeichnis mit Erklärungen gutgetan. Oder möchte man sich vom hohen Ross tatsächlich nur an seinesgleichen wenden, wie es fast scheint? Schwerpunkte der Kritik sind Online-Inhalte mit Beauty-, Sport-, Ernährungs- und Reisethemen. Obwohl ich persönlich die erwähnten Personen und ihren "Content" nicht kenne, konnte ich mir problemlos alles bildlich vorstellen. Denn dass sich das Meiste auf Youtube & Co. immer wieder wiederholt und selbst reproduziert, ist wahr. Erst im letzten Kapitel werden weniger abgehobene, sogenannte Mikro-Influencer vorgestellt, die aber laut den Autoren genauso im Kapitalismus gefangen sind und ihn bedienen. Insgesamt ist es sicher ein wichtiges Buch, aber es hätte noch mehr Aspekte beleuchten können, um nicht langweilig zu werden. Gibt es z. B. irgendwelche Ausnahmen in den Augen der Autoren? Sind beispielsweise Videos über das Gärtnern, über psychologische Themen oder Büchervorstellungen ebenso kritisch anzusehen? Interessant, weniger abgehoben und ein netter Kontrast zu dem "überstudierten" Eindruck wären Ausschnitte aus Interviews mit der Zielgruppe selbst zu ihren Erfahrungen, Ansichten und Gründen für deren Begeisterung (oder auch Enttäuschung/Zweifel?) einzufügen. So wird nur einseitig und theoretisch von oben herab analysiert, aber auch keine Lösung geboten, was gegen diese unaufhaltsame Richtung, die sich gesellschaftlich entwickelt hat, zu tun ist. "Betroffene" selbst, die unbewusst beeinflusst wurden/sind und den materiellen und psychologischen Folgen nun nicht mehr entkommen können, wird dieses Sachbuch leider nicht erreichen, sondern nur bereits überzeugte Kritiker erreichen und erfreuen.