Höchste Zeit, Klára Vlasáková zu lesen, Tschechien ist Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse und Die Kugel ein hochkarätiger Repräsentant tschechischer Literatur.
Auf der Erde erscheint eine mysteriöse Kugel. Sie bewegt sich nicht, niemand weiß, was es damit auf sich hat. Natürlich wird sie zur touristischen Attraktion und ansonsten passiert scheinbar nichts.
Im Mittelpunkt der Geschehnisse steht eine intakte Familie. Die Eltern verlieren ihre Jobs, die Automatisierung in den Betrieben macht Angestellte obsolet. Die Bevölkerung ist unzufrieden. Der Sommer ist zu heiß. Und die Kugel schwebt über der Wiese. Das ist verstörend und seltsam, auch dass die jüngste Tochter der Familie in einer besonderen Beziehung zur Kugel zu stehen scheint und unerklärliche Verhaltensweisen an den Tag legt.
Es liegt in der Natur des Menschen, alles auf sich selbst zu beziehen und so suchen alle nach einer Bedeutung, schreiben einen Sinn zu, denken, jetzt müsste sich etwas ändern.
Geschickt spielt Klára Vlasáková mit den Erwartungshaltungen. Eine solches Phänomen sollte doch Neugier wecken, Aktionismus, Begeisterung. Doch die Menschen bleiben verstörend passiv. Die Kugel wird zur Projektionsfläche, die die Menschen mit ihrer Trägheit konfrontiert.
Sie wirft ein absolut realistisch und deshalb so schwer aushaltbares Bild zurück: Die Angst der Menschen vor Veränderung, ihren absoluten Wille, am Status Quo festzuhalten, auch wenn er schlecht ist.
Einige werden dazu verleitet, Predigern zu folgen, die in der Kugel eine Möglichkeit zur Abkehr vom System sehen. Andere wollen schlicht der Wirklichkeit entfliehen und fallen in einen langen Schlaf.
Wird sich nun aber etwas ändern?
Die Kugel ist ein ambitionierter, mutiger Roman. Ist das gut! Der Großteil der Menschheit, zumindest in Industrienationen, lehnt Veränderung ab, doch Veränderung ist immanent.
Sprachlich beeindruckend, nüchtern, fast distanziert werden die Lesenden zu Beobachtenden. Die Kugel stellt kulturphilosophische Fragen und umkreist die fragilen Strukturen des wirtschaftlichen und sozialen Systems.
Vergleiche mit Kafka werden bemüht, doch viel mehr hat Klára Vlasáková eine junge und frische Stimme, die fast spielerisch und dennoch furios die Angst vor Veränderung benennt, die Sucht nach dem Stillstand und ihre gravierenden Auswirkungen.
Die Kugel ist ein ganz starkes Romandebüt einer aufregenden, klugen und mutigen Stimme, von der wir hoffentlich noch viel hören.