Aber wodurch wird eine Wohnung zu einem Heim? Und wann fing es an? In meiner ersten Nacht dort? Als ich alle meine Sachen in den Schrank geräumt habe und meine Bilder an der Wand hingen? Erst als ich meine Nachbarn kennenlernte?"
Wie fest bindet dich deine Eigentumswohnung an einen Ort? Mara ist im Erwachsenenleben und in London angekommen - glaubt sie zumindest. Nach dem Studium hat sie einen Job in einer Bibliothek gefunden und steht kurz davor eine Wohnung zu kaufen. Ihr Freund Tom, Referendar, soll ebenfalls mit einziehen. Das fühlt sich ziemlich erwachsen an: Wohnung, Job, Essen gehen und vielleicht über die Familienplanung nachdenken. In Silvia Saunders Comic-of-Age Geschichte "Homesick" steuern die Figuren aber nicht so sauber in Richtung "echtem Leben", wie sie es sich wünschen. Schnell zeigt sich, dass Toms Job ihm mehr und mehr zusetzt. Nur Zuhause in Birmingham ist er wirklich frei. Doch da ist Mara schon fest mit Londons Stadtteil Hackney verbunden. Übersteht ihre Liebe auch eine Fernbeziehung? Und was erwartet Mara, so ganz allgemein, eigentlich vom Leben?
Saunders, laut Sticker auf dem Cover als Comedian bekannt, schlägt in "Homesick" ernste Töne an. Zwar gibt es auch die ein oder andere humorvolle Szenen mit verschrobenen Nachbarn, exzentrischen Mitbewohnern oder auf Hochzeitsfeiern. Insgesamt steht aber die Selbstsuche im Fokus. Oft zweifeln die Figuren, sehen keinen rechten Weg für sich und sind vollauf damit beschäftigt, den Alltag zwischen Mottenplage und Schimmel im Bad zu überstehen. Dadurch wirkt "Homesick" sehr lebensnah und bietet viel Identifikationspotential. Besonders gut konnte ich Maras Immobiliensuche verstehen. Die Vorfreude auf einen tollen Fund, die unfähigen Makler und die letzten Absteigen, die als tolles Objekt verkauft werden sollen kenne auch ich nur zu gut. Saunders bannt die Realität hier direkt auf Papier.
"Homesick" erzählt aber vor allem davon, dass wir manchmal akzeptieren müssen, dass das Leben anders verläuft, als wir es uns wünschen. Neben den Alltagsherausforderungen wie langweiligen Jobs taucht auch das Thema Depression gleich an mehreren Stellen auf. Gefallen hat mir, dass Saunders keine billigen Ratschläge gibt und auch keine einfachen Lösungen liefert. Stattdessen erzählt sie, wie sich Angehörige fühlen: Hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch zu unterstützen und den Selbstzweifeln fragt sich Mara etwa, wie viele ihrer negativen Gefühle sie filtern muss, um ihr Gegenüber nicht zu überfordern. Dabei steht sie im ständigen Konflikt mit sich selbst. Denn ihre inneren Überzeugungen möchte sie dabei auch nicht verraten. "Homesick" ist deshalb auch als Wortspiel zu verstehen: Tom hat Heimweh im eigentlichen Sinn und will zurück nach Birmingham. Gleichzeitig nimmt er sich eine Auszeit, ist also krank zuhause und auch Mara fühlt sich manchmal "krank" angesichts der Herausforderungen, die das Leben ihr stellt.
Während Saunders ihre Hauptfiguren detailliert und vielschichtig zeichnet, trifft das auf die Nebencharaktere nicht unbedingt zu. Zwar steht in der für mich berührendsten Szene gegen Ende des Romans Maras Nachbar im Fokus, dennoch erfüllen Nachbarn, Freunde und Kollegen oft nur eine Funktion im Text und bleiben davon abgesehen blass. Dadurch entstehen einerseits spannende Leerstellen. Über Maras Freundschaft zu Noor hätte ich gerne eine Menge mehr erfahren. Andererseits wirken Figuren wie Toms Mutter oder die Adele, die Mieterin der Wohnung über Mara, oft wie Statisten.