Ein Jahrhundertepos. Genial wird die geschichte des Jahrhunderts mit der Familiengeschichte verknüpft. Fein beobachtet,nah an den Figuren
Italien und seine bewegte Geschichte lassen mich literarisch einfach nicht los. La Storia ist ein Epos. Ganz nah an den Figuren und mit unendlicher Fabulierfreude erzählt Elsa Morante die Geschichte von Ida und ihren beiden Söhnen im faschistischen Italien. Es ist die menschliche Geschichte in der Historie des dramatischen 20. Jahrhunderts. Der mutige Wagenbachverlag verlegte den Roman 2024 in einer grandiosen Neuübersetzung von Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski.Jedes Kapitel beginnt mit der sachlichen Chronik einer Welt aus Diktaturen, Kriegen und Verbrechen, gespiegelt in der persönlichen Geschichte der kleinen Familie zwischen 1941 und 1947. Ida müht sich bis hin zur Selbstzerstörung, ihre Söhne zu ernähren. Sie fürchtet, die jüdischen Zweige der Familie könnten das Unheil bringen. Der tyrannische Nino gebärdet sich unerzogen, will in den Krieg und landet bei den Partisanen. Useppe, Kind einer Vergewaltigung, ist froh und neugierig, viel allein.Elsa Morante verbindet das Schicksal der Welt voller Bombenangriffe, den Hunger und das Elend mit dem persönlichen Schicksal der Protagonistin und ihren Söhnen. Das ist so dramatisch und herausfordernd wie anspruchsvolle Literatur es nur sein kann. Die Familie wird zu unfreiwilligen Zeitzeugen, es sind einfache Menschen, die ihren Individuellen Weg in der Gegenwart des totalitären Regimes suchen.Wie kann das Menschwerden und -sein gelingen, wie können jungen Menschen ihre Identität finden, wenn das Weltgeschehen eingreift in das Persönliche, Kleine, Zerbrechliche? Die Charaktere bieten ein literarisches Verständnis der Lebensumstände. Die Erschöpfung, das Schuften im Armenviertel Roms, die Deportationen, die Bedrohung, der Hunger und die Politisierung treiben einen Keil zwischen die einzelnen Figuren, die um sich selbst kreisen und damit auch ganz im eigenen Kosmos das Zeitgeschehen wahrnehmen. Es ist ein umfangreicher Roman mit vielen Seiten, eng beschrieben mit Anspruch auf Genauigkeit. Die Gedanken der Protagonist*innen bereichern die Lektüre ebenso wie die vielen Nebenfiguren, durch deren Anwesenheit sich die Ida und Nino immer wieder neu ausrichten. Die Sprache ist zeitlos, sie entschleunigt und führt zurück in die Welt der großen Erzähler*innen der Weltliteratur. Wer sich darauf einlässt, darf sich auf ein literarisches Ereignis freuen. Ich bedanke mich herzlich, lieber @Wagenbach Verlag für die Neuübersetzung und für die intellektuelle Fackel, die mir immerwährend leuchtet. Die broschierte Ausgabe erscheint am 12. März.