Große Familiensaga über Israels Gründung. Stark im Kibbuz-Alltag, als Thriller etwas fügungsfreudig. Ruth ist eine großartige Figur.
Ein Page-Turner, ohne Frage. Ich habe das Buch schnell gelesen und wollte immer wissen, was aus der nächsten Generation wird. Getragen hat mich dabei aber nicht die große Geschichte Israels, sondern die kleine: das Leben im Kibbuz. Wie man unter dem Druck permanenter Bedrohung, mitten in Kriegen und Staatsgründung, eine sozialistische Gemeinschaft aufbaut und über Jahrzehnte hält ¿ das ist für mich eine völlig fremde Welt und großartig erzählt. Ruth ist dabei die stärkste Figur des Buches. Sie lebt einen Lebenstraum, der die Konsequenz aus dem Holocaust ist, und gibt dafür immer mehr her, am Ende auch Menschlichkeit. Das ist beeindruckend und wertet den Roman noch einmal auf.Wer als Thriller-Fan an das Buch herangeht, sollte allerdings wissen, worauf er sich einlässt. Es gibt keinen Fall, der gelöst wird, und die Spannung entsteht nicht aus einer Konstruktion, die man mitdenken kann, sondern aus dem Sog der Familiengeschichte. Wo Tidhar dann doch mit Thrillermechanik arbeitet, verlässt er sich auf die schicksalhafte Fügung: Da kommt an der entscheidenden Stelle zufällig jemand vorbei und befreit den Gefangenen, und solche Wendungen ziehen sich durch. Man sieht der Handlung mehrfach an, dass sie sich weiterbewegen muss, weil es die Dramaturgie verlangt. Ein guter Thriller ist das trotzdem ¿ nur eben kein brillanter. Seine eigentliche Stärke liegt woanders, nämlich in der Verflechtung ganz verschiedener Elemente: Familienroman, Kibbuz-Chronik, Politgeschichte und Kriminalstoff greifen wirklich gut ineinander.Anstrengend ist die Härte. Sympathisch ist einem hier fast niemand; wer nicht jung stirbt, hat irgendwann Blut an den Händen, und die Hemmschwelle zur Gewalt ist auch dort niedrig, wo alle dasselbe Ideal teilen. Das ist erkennbar Absicht und lässt sich als Kette lesen: Die Gewalt der Gründungsjahre setzt sich in den achtziger und neunziger Jahren fort, nur ohne den Zweck, der sie einmal getragen hat. Ob die politischen Abgründe, die Tidhar dabei behauptet, historisch so belegt sind, kann ich nicht beurteilen ¿ der Roman markiert nicht, wo recherchierte Geschichte aufhört und Erfindung anfängt. Als Geschichtsbuch sollte man ihn deshalb nicht lesen. Als Familienroman lohnt er sich sehr.