Der Inhalt erdrückt mich und hallt lange nach.
"Dunkelnacht" von Kirsten Boie ist ein kurzer, aber intensiver Jugendroman über ein Endphaseverbrechen in Penzberg zwei Tage vor Hitlers Selbstmord. Die Autorin verwebt hier gekonnt Realität und Fiktion und macht ein kaum bekanntes historisches Ereignis für Jugendliche greifbar. In der Novelle geht es um Schuld, Verantwortung, Mitgefühl und die Frage, wozu wir Menschen fähig sind.27. April 1945, im Volksempfänger wird Freiheit verkündet und in Penzberg macht sich der von den Nazis abgesetzte Bürgermeister auf ins Rathaus. Er möchte nun wieder sein Amt ausüben und vor allem möchte er eines: Frieden. Mitten in diesen Ereignissen stehen die drei Jugendlichen Schorsch, der Sohn des Polizisten, Marie, die Tochter des Metzgers und Weggefährten des Bürgermeisters, und Gustl, Mitglied der Werwölfe und nach Penzberg berufen. Dass es noch zu früh ist, um an ein Ende des Krieges zu glauben, zeigt die Autorin auf erschreckende Weise.Der Schreibstil ist zu Beginn ungewohnt. Durch die kurzen Szenen braucht es etwas Zeit, bis man ins Geschehen findet. Hilfreich sind aber die Personen und Ortsangaben bei jedem neuen Abschnitt, fast wie in einem Drehbuch. Und so habe ich die Geschichte auch vor mir gesehen, wie ein Theaterstück, das nach und nach sein Grauen entfaltet. An einigen Stellen musste ich innehalten und konnte nicht weiterlesen. Ich fühle mich wie gelähmt, wenn ich versuche, mich in die Menschen damals hineinzuversetzen. Die Geschichte wird zwar kurz erzählt, aber das ändert nichts an ihrer Intensität. Besonders interessant ist die kommentierende Stimme, die sich immer wieder einschaltet und Sätze formuliert wie: "Wer ihn stößt, wird man später nicht mehr wissen. Wie man keinen von denen kennen wird, die es getan haben, die ganze Nacht."Am liebsten würde ich wieder vergessen, was ich hier gelesen habe, aber genau das ist es, was wir nicht dürfen: vergessen.