Klassiker einer weiblichen Autorin, ungewöhnlich modernes Frauenbild
Diesem Roman von Charlotte Brontë gebührt ebenso viel Ehre wie den großen Klassikern männlicher Autoren, die um einiges berühmter mit ihren Texten geworden sind. Brontë gelingt es, Gefühlswelt und Entwicklung einer außergewöhnlichen jungen Frau zu beschreiben, die als Waise bei ihrer garstigen Tante aufwächst, in ein Heim wechselt und schließlich als Gouvernante nach einigen Hindernissen die Liebe ihres Lebens findet. Dabei ist es höchst interessant zu verfolgen, mit welchen Gedankengängen die junge Heldin ihre Entscheidungen fällt. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass dies eine Frau aus dem 19. Jahrhundert sein könnte. Für damalige Leser:innen muss ihre Selbstbestimmtheit äußerst provokativ gewesen sein. Eine Jane Eyre lässt sich nicht verbiegen und tut nur, was sie für richtig hält, gegen alle auf sie eindringende Männergewalt. Gelesen habe ich diesen Text, weil er eine wichtige Referenz in Irvings "Königin Esther" ist. Der berühmte Ausspruch, den Esther sich auf die Brust tätowieren lassen möchte, ist auf Seite 519 dieser Ausgabe zu finden: "Je einsamer ich bin, je weniger Freunde ich habe, je weniger man mir hilft, desto mehr will ich mich selbst achten."Die Übersetzung von Andrea Ott scheint mir sehr gut gelungen zu sein, wobei ich jetzt keinen Vergleich gemacht habe. Sie liest sich sehr flüssig und erscheint zeitlos. Wenn ich etwas bemängeln müsste, so wäre es das etwas süßliche Happy End. Oft wird betont, dass Jane Eyre keine Schönheit sei, im Gegenteil. Muss ihr Geliebter also erblinden, damit sie mit ihm glücklich werden kann? Diese Botschaft würde mir nicht gefallen, zumal sie die Männer wie die Leser:innen mit ihrem scharfen Verstand und ehrlichem Gefühl beeindruckt.