"Nur für uns [Frauen] wäre es peinlich, wir müssen es uns wert sein, müssen Niveau zeigen. Wenn wir tief sinken, sinken wir tief; wenn Männer tief sinken, bleiben sie obenauf."Daisy und Maya sind überzeugte Feministinnen und enttäuscht von der Männerwelt, die so gar nichts davon hält, sich ändern zu müssen. Deswegen suchen sie sich mit James gleich den am wenigsten an feministischen Themen interessierten Mann aus, den Daisy kennt. Das Ziel der jungen Frauen: James zu einem Vorzeigefreund umerziehen. Dazu besuchen sie mit ihm Ausstellungen, eine Live-Aufzeichnung für einen Podcast und kleiden ihn neu ein. Gespräch um Gespräch entdeckt James zunehmend Zugang zu seinen Emotionen und lernt, darüber zu sprechen. Zumindest ist das in etwa die Geschichte, die der Klappentext erzählt. Allerdings kann man das Buch auch ganz anders verstehen: Alle Frauen sind klug und feinfühlig, geistreich und toll - einfach weil sie Frauen sind. Kein Mann kann ihren Ansprüchen gerecht werden, deswegen müssen sich Männer grundlegend verändern, bevor sie von Frauen überhaupt als halbwegs akzeptabel angesehen werden. Maya und Daisy investieren viel Energie darin, einen Mann aus Daisys Freundeskreis umzukrempeln, damit er liebenswert wird. Bezeichnet dabei ist, dass beide keine richtige Beziehung führen, Daisy bisher noch nie in einer solchen gewesen ist. Eigentlich geht es Daisy ja auch vor allem daran, an einen anderen Jungen aus ihrer Clique heranzukommen, der sie sich aber nur warm hält und gerade eine neue Freundin hat. Man kann diesen Plot als revolutionäre Idee verstehen. Als eine Umkehr der klassischen Rollenbildern in Romanen: Dieses Mal muss sich statt der Frau der Mann ändern, um zu gefallen. Wenn man diese bewusste Umkehr der Autorin unterstellt, dann drückt man aber mindestens anderthalb Augen zu. Den die Selbstherrlichkeit der beiden Protagonistinnen ist stellenweise kaum zu ertragen. Inwiefern man einen anderen Menschen, welchen Geschlechts auch immer, als Projekt bezeichnen möchte, finde ich moralisch zweifelhaft. Dass es nicht mehr um den Menschen, sondern nur um das Ergebnis geht, schwingt da schon in der Benennung mit. Eine Beziehung auf Augenhöhe kann daraus wohl nicht werden. Und hinter all den vermeintlichen feministischen Ansichten verbirgt sich ohnehin eine ziemlich normale Liebesgeschichte, auf die hier aber nicht näher eingegangen werden soll, um das Ende nicht zu verraten. Leider verschenkt Annie Lord damit in "Das Projekt" ziemlich viele spannende Punkte, schreibt eine mäßige Liebesgeschichte, die erst auf den letzten Seiten interessant wird und entwirft zwei selbsverliebte Protagonistinnen, die insgesamt blass bleiben.