Wie soll man in München überleben, ohne kriminell zu werden? - Das fragt sich Leonie, nachdem eine Sabotage-Aktion sie ihren Job bei einem großen Konzern für gentechnisch veränderte Pflanzen kostet. Schnell merkt sie - das geht gar nicht! Denn sie trifft auf eine Gruppe Frauen, die alle über ein weniger legales Nebeneinkommen verfügen. Leonie tut es ihnen gleich und bietet Rache auf Bestellung an. Wer verlassen und dabei schlecht behandelt wurde (Beispiel: Alle Fische wurden die Toilette hinuntergespült), kann gegen entsprechende Gebühr eine ganz persönlich auf den oder die Ex zugeschnittene Racheaktion buchen. Doch das läuft für Leonie nicht immer reibungslos ab... Julia Bähr greift in "Hustle" ein großes gesellschaftliches Problem auf: Wenn allein schon Wohnraum so teuer wird, dass sich niemand mehr als ein dunkles Kellerloch leisten kann, was wird dann aus dem Leben? Wie soll man sich da über Wasser halten. An vielen Stellen kommt diese Kritik auch durchaus durch. Nur leider ist die Antwort, die der Roman liefert, wenig praxistauglich. Ich habe mich beim Lesen von "Hustle" gut unterhalten gefühlt, auch wenn ich Leonies Wertecodex (oder den ihrer Freundinnen) nicht unbedingt teile. Für mich geht die Handlung aber nicht über eine seichte Lektüre hinaus. Julia Bähr verschenkt leider eine Menge Potential. Denn hier hätte man gut über gerechte Rache schreiben können. Man hätte auch das Gentechnik-Thema weiter vertiefen können (statt das Ernährungsverhalten von Schleimpilzen) oder die Kritik am überteuerten Immobilienmarkt stärker in den Vordergrund stellen können. All das passiert leider nicht. Wir springen von Szene zu Szene, von Racheaktion zum Freundinnentreffen und zurück. Schade. Die Freundschaft der vier Frauen wird im Vergleich zur Backstory anschaulich beschrieben. Das ist der gelungenste Teil (zumindest in meinen Augen). Denn am Beispiel der unterschiedlichen Figuren zeigt Bähr, wie Zusammenhalt (statt Konkurrenz) zwischen Frauen aussehen kann. Damit taugt zumindest dieser Teil zum Vorbild. So gerne ich die Bücher aus dem pola Verlag und ihre Erzählungen mit Fokus auf die weibliche Perspektive mag - dieses Buch hat mich leider nicht überzeugen können.