2,5 Sterne - extrem holprig geschrieben, fast hätte ich abgebrochen. Aber ab 2/3 wird es besser und v.a. inhaltlich super wichtig.
Sara und Miles lernen sich bei einer Party kennen und fühlen sich gleich zueinander hingezogen. Sie fangen an, ernsthaft zu daten. Doch so sehr Sara Miles auch mag - körperliche Nähe ist für sie nicht möglich. Eine Ex-Beziehung hat sie traumatisiert, sie kann nur sehr zögerlich Berührungen zulassen. Doch Miles entschließt sich, diesen Weg mit ihr zu gehen, egal, wie schwierig das wird. Sara fragt sich: Kann sie ihm wirklich vertrauen? Einem Mann, der doch sicherlich "seine Bedürfnisse" hat? Und warum fühlt es sich immer so an, als wäre da noch mehr in ihr verschüttet, das sie vom Leben abkapselt?Charlotte Paradise hat sich für ihr Debüt ein ambitioniertes Thema vorgenommen, das mehrere Triggerwarnungen braucht: sexueller Missbrauch, Trauma, selbstverletzendes Verhalten. Ich war auf das Buch vor allem deshalb neugierig, weil es um einen ungewöhnlichen Beziehungsstart geht. Sara braucht mehr Zeit als andere, sich zu öffnen, emotional und insbesondere körperlich. Sie leidet an Vaginismus, diversen Sozialängsten, Vertrauensproblemen. Und sehnt sich natürlich trotzdem nach Liebe, Nähe, Zuneigung. Wie kann es in einer Welt, in der alle auf schnelle Nummern aus zu sein scheinen, gelingen, mit diesem Paket einen Partner zu finden? Eine spannende Frage, die auch weniger traumatisierte Menschen betrifft.Zunächst scheint Miles ein super Match zu sein. Er öffnet sich Sara, sie kann sich ihm anvertrauen, er ist zwar scharf auf sie, lässt ihr aber auch Zeit. Doch klar, es ist zu schön um wahr zu sein. Wie jede normale Beziehung stoßen die beiden an ihre Grenzen. Und ganz ehrlich - bei aller Sympathie für Sara, das Trauma-Dumping nimmt an manchen Stellen doch einfach überhand. Weder ist Miles dafür da, sie zu heilen, noch muss er sich jede noch so kleine Vorgabe, die sie macht, merken und danach handeln. Ein Beispiel: Sie erklärt ihm, dass sie Händchen nur gerne mit verschränkten Fingern hält, nicht mit ineinandergelegten Händen wie beim Händeschütteln. Als er ihre Hand dann einmal "falsch" greift, muss sie mit sich selbst ins Zwiegespräch gehen, um es nicht persönlich zu nehmen. Puh. Das strecht das Thema Trauma, Bedürfnisse und Ehrlichkeit dann doch sehr ans Limit, und ich habe oft die Augen verdreht und gemerkt, wie ich mit Miles sympathisiere.Der bleibt über das Buch hinweg mehr eine Schablone - von einem Mann, der eher immer auf was Schnelles aus war, sich jetzt ändern will, irgendwas mit Religion war da auch noch, und dann versinkt er aber in einem Loch aus Sprachlosigkeit und Blässe, was ich nicht ganz zuordnen konnte. Er verschwindet als Figur quasi vor unseren Augen. Sehr merkwürdig. Aber es geht ja auch um Sara, ihre Heldinnenreise, und als es dann nach 2/3 im Buch wirklich ans Eingemachte geht, war ich mitgerissen. Es vermittelt dann auch wichtige Botschaften - Heilung ist möglich, zumindest in Teilen; es geht nicht darum, zu funktionieren, sondern für sich selbst ein passendes Leben zu führen; es gibt keinen "richtigen" Sex; Freunde und Familie darf man sich zur Stütze machen.Was mir allerdings den Lesespaß durch die gesamten 400+ Seiten vergällt hat, war der unterirdische Schreibstil. Es ist ganz viel Tell, viel zu wenig Show. Die Metaphern sind schief (was sollt der "Duft seiner Verärgerung" sein?), Adjektive stehen an falschen Stellen ("Stapel unordentlicher Bücher"), alles ist super simpel und repetitiv. An manchen Stellen fehlt die Logik, es gibt Sprünge in Szenen und Handlungen, Gedanken und Gefühlen, die sich nicht erschließen. Hätte das Buch nicht noch die inhaltliche Kurve bekommen, hätte es höchsten 2 Sterne von mir bekommen. Ich würde es daher nicht wirklich empfehlen, gerade, wenn man sich eh schon mit den genannten Themen beschäftigt hat. Dann bringt diese "Lehrlektüre" wenig Zugewinn und ganz besonders keine Lesefreude.