"Herzflut" von Charlotte Paradise ist ein Buch, das besonders ist und sich nur schwer kategorisieren lässt. Es handelt von Liebe, von Schmerz, von einem ersten "Sich-näher-kommen", obwohl der Weg zueinander von Mauern gesäumt ist. Es geht um tiefe emotionale Narben, um sexuelle und psychische Gewalt und könnte daher für manche Menschen triggernd wiken - das möchte ich gleich zu Beginn betonen.
Aber nun zunächst einmal zum groben Inhalt: Die 25-jährige Sara musste in ihrem Leben einiges mitmachen, was ihr Vertrauen in Menschen -und insbesondere Männer- nachhalti geschädigt hat. Mithilfe eines Therapeuten (später einer Therapeutin) versucht sie zu rekonstruieren, was genau mit ihr geschehen ist, denn so ganz kann sie sich so manche Traumasymptome nicht erklären. Sie leider unter Alpträumen, Flashbacks, Pamikattacken, einer riesengroßen Angst vor körperlicher Nähe, Ekel vor ihrem eigenen Körper und fühlt sich stets als Außenseiterin. Während ihrer Arbeit an sich selbst verliebt sie sich in Miles - der ihr viel Zeit und Geduld entgegenbringt. So entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden, in der sich nach und nach mehr Nähe auifbaut, in der jedoch zugleich auch die inneren Wunden der Protagonist*innen immer weiter aufreißen.
Mich konnte der Roman sehr packen und mitnehmen, ich konnte mitfühlen und mitleiden, konnte mal die Hoffnungslosigkeit, mal die zarte Zuversicht der beiden Hauptfiguren nachempfinden. Die Autorin beschreibt Situationen und Gefühlswelten sehr explizit, detailliert und ohne Tabus, die Sprache ist ungeschönt und schonungslos - dessen sollte man sich vor der Lektüre bewusst sein, gerade, wenn man selbst von einem oder mehreren der oben genannten Themen betroffen ist. Der Roman lebt weniger von einer spannenden, abwechslungsreichen Handlung als viel mehr von der sich verändernden Beziehungsdynamik zwischen Sara und Miles und den innerpsyhischen Vorgängen der beiden. .
Mir hat der Handlungsfaden des Romans gut gefallen. Es verläuft nicht alles so unkomplziert und leicht, wie zunächst angedeutet. Die Protagonist*innen setzen große Hoffnungen in ihre Beziehung und schmieden jede Menge Pläne, scheitern jedoch immer wieder an eigenen Ängsten und Erwartungen. Und dennoch nehmen auch die Themen innere Heilung, Hoffnung und zwischenmenschliche Verbindung im Laufe der Geschichte immer mehr Raum ein. Sara muss sich mitten durch ihren tiefsten Schmerz hindruch kämpfen, wird dafür jedoch mit immer mehr Momenten der Selbstakzeptanz und diversen Fortschritten belohnt. Mehr möchte ich gar nicht verraten.
Einen Extrapluspunkt gebe ich dafür, dass die Autorin ganz selbstverständlich Lebenswelten abseits der Heteronormativität abbildet. Paare sind queer, Feminismus spielt eine Rolle und Geschlechterrollen werden hinterfragt. Sara lebt zudem vegan und betrachtet die Ausbeutung fühlender Lebewesen sehr kritisch - auch das empfinde ich als gute Idee der Autorin, um ihre Leserschaft eventuell zum Nachdenken über gängige Werte und Normen anzuregen.
Von mir gibt's eine klare Empfehlung!